Wiedeburg 1725

Johann Bernhard Wiedeburg, Einleitung zu denen Mathematischen Wissenschafften Für Anfänger Auf hohen und niedrigen Schulen Darinn der Grund Zu der Arithmetic, Geometrie, Trigonometrie, Static, Hydrostatic, Aerometrie, Mechanic, Hydraulic, Architectura Civili und Militari, Optic, Catoptric, Dioptric, Astronomie, Geographie, Chronologie und Horographie, Jena [Johann Meyers seel. Witwe] 1725.


Einleitung
Zur
CIVIL-Bau-Kunst.

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Das II. Capitel

Von denen Materialien eines Gebäudes.

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pp. 434–440

§. 21. Bey Vermaurung der Steine braucht man Kalck und Sand; denn wenn viele Steine sollen verbunden werden, muß sich der Kalck hinein ziehen, und dieselben zusammen halten. Soll sich aber der Kalck durch der poros der Steine hinein ziehen, so muß er zuvor dünne gemacht werden; soll dieses geschehen, muß diejenige Krafft, durch welche die Theile des Kalck-Steines fest unter einander verbunden sind, von demselben abgesondert werden; solches geschicht nun in dem Ofen, wenn der Kalckstein gebrannt wird, da durch die Hitze dasjenige Band, durch welches die Stücke zusammen gehalten werden, resolviret wird. Weshalben der Stein schon viel von seiner Härte in den Ofen verliehret, nachmahls aber wenn der gebrannte Kalck gelöschet wird, ziehet sich das Wasser in die poros hinein, daher eine fermentation entstehet, dadurch die Theile des Kalckes aus einander getrieben werden, daß derselbe sich in einen dünnen Brey rühren lässet. Weil er aber auf diese Weise seine beste Krafft zuverbinden verlohren, so muß ihm dieselbe durch eine Vermischung des Sandes wieder gegeben werden.

§. 22. Die Steine, daraus der Kalck gebrannt wird, sind verschiedentlicher Art, insgemein ist ihr Sand etwas mehligt. Wie aber der Kalck zu mancherley Nutzen verwendet wird, so schicket sich auch nicht einerley Stein zu jedwedem. Der beste Mauer-Kalck wird aus harten Steinen gebrannt, derjenige, welchen man zum Bewerffen der Wände brauchen will, aus mürben und schwämmigten; zum Weiß-Kalck nimmt man gerne weisse Steine, dergleichen an denen Ufern der Flüsse gefunden werden. In Holland, da man wenige Kalcksteine hat, wird der Kalck aus Auster und Muschels Schalen gebrannt, dergleichen die Steine zwar gut zusammen hält, aber nicht gerne im nassen dauret; daher man ihn in Bewerffung der Wände nicht wohl brauchen kan.

§. 23. Das meiste kommt auf den Brand an, dazu ordentlich 60 Stunden, zuweilen mehr, zuweilen weniger nach verschiedener Härte der Steine erfördert werden. Die Ofen, darinn er gebrannt wird, müssen fein hoch seyn, daß sich die Dünste darein zertheilen können. Wenn die Steine groß sind, müssen sie erst kleine geschlagen werden; weil sich öffters in denselben weite Oeffnungen finden, darinnen viel Lufft ist, wenn nun dieselbe durch die Hitze ausgedehnet wird, und keinen Ausgang findet, platzen die Steine, daß die Stücken gegen den Ofen fliegen, und denselben beschädigen. Die Proben, daraus man abnimmt, ob der Kalck sattsam gebrannt, sind folgende:

1) Wenn die Steine fein leicht sind, wie sie denn auf 1/3 ihrer Schwere in dem Öfen verliehren müssen,
2) wenn dieselben Steine fein helle klingen, wenn man daran schläget,
3) wenn man viel Wasser zugiessen muß, da der Kalck gelöschet wird,
4) wenn bey dem Löschen ein starcker Rauch davon aufsteiget.

§. 24. So bald der Kalck gebrannt, wird er gelöschet, dabey folgendes in acht zunehmen:

1) Wird ein Lager von Brettern bereitet, so an einer Seiten etwas abhängig ist,
2) darneben gräbt man eine Grube 4,5 bis 6 Fuß tieff.
3) Schüttet man den gebrannten Kalck auf dieses Lager, und giesset Wasser darauf, daß die Steine zerfallen; 
4) Wenn dieses geschehen, rühret man den Kalck in einen dünnen Brey, und lässet ihn nachmahls, wenn man nirgends mehr mit dem Rühr-Eisen grobe Theile antrifft, in die Seiten-Grube ablauffen.
5) Hierauf bedecket man ihn mit Stroh, und schüttet Sand darüber, daß die Feuchtigkeit nicht so leicht ausdünste. Je länger er auf die Weise liegen bleibet, desto besser wird er, weil die Fermentation daselbst continuiret, dadurch er immer mehr resolviret wird.

§. 25. Man nennet dergleichen Kalck Leder-Kalck, weil sich die Gerber dessen in Zubereitung des Leders bedienen; wie auch zum Unterscheid des Schwer- oder Spar-Kalckes, der auch von einigen Gyps genannt wird. Dieser wird auch aus Steinen gebrannt, aber man nimmt dazu gantz dünne und weiche, als Alabaster, daher sie auch eher ausgebrannt werden, verliehren aber im Brand nicht so viel von ihrer Schwere, wie der Kalck, davon der schwere Kalck den Nahmen hat. So bald er aus dem Ofen kommt, wird er zerstossen oder mit hölzernen Hammern zerschlagen, und zu Mehl gemacht. Zuweilen wird er auch wohl noch einmahl in einem Becker-Ofen gebrannt dadurch er doppelte Stärcke bekommt, auch desto eher nachmahls verbindet. Dergleichen nennen einige zum Unterschied des Spaar-Kalcks ins besondere Gyps. Nachdem er zu Mehl geklopffet, muß er so fort verbraucht werden, weil er sonst seine Krafft verliehret. Man giesset demnach Wasser darauf, und rühret ihn in einem Brey ohne allen Sand. Der Gebrauch desselben ist mancherley: insonderheit in Bekleidung der innern Wände und Boden des Hauses. Auswendig aber in der Lufft kan er nicht sicher gebraucht werden, denn so bald er etwas Feuchtigkeit an sich gezogen, ziehet er sich von den Wänden ab, und verliehret seine Bindungs-Krafft.

§. 26. Der Sand ist dreyerley Art, der erste wird aus der Erde gegraben, der andere an denen Ufern der Flüsse gefunden, der dritte an denen Ufern des Meeres. Der gegrabene ist zum mauren am geschicktesten, insonderheit wenn er fein grob, und mit kleinen Steinen untermenget ist. Der Fluß-Sand ist weicher, und schicket sich besser zum vertünchen. Der Meer-Sand ist der schlimmste, den man nicht braucht, als im Fall der Noth, wenn kein anderer vorhanden, da er doch zuvor muß wohl gewaschen und von dem groben Meer-Saltze gereiniget werden. Seine Güte erkennet man daraus, 1) muß er graulicht und wie ein Carfunckel aussehen; 2) wenn man ihn zwischen den Händen reibet, knirschen; 3) ein reines weisses Tuch nicht beflecken; 4) klahres Wasser, darein er geschüttet wird, wenn es gleich umgerühret wird, nicht trübe machen. 5) Wenn er unter dem freyen Himmel lieget, nicht zuwachsen. Er muß aber, so bald er gegraben ist, verbraucht werden, weil er im Regen leicht zerfället.

§. 27. Vitruvius lobet insonderheit den Sand, daraus der Portzelan gebrannt wird; weil alles, was damit gemauret ist, nicht nur geschwind austrocknet, sondern eine ungemeine Harte bekömmt. Wir haben in unsern Gegenden dergleichen in solcher abundanz nicht. Wo sich aber an dem Ort, dahin man bauen will, Schutt von alten Mauerwerck findet, da kan man denselben mit eisernen Hammern kleine schlagen, und nachmahls durch eiserne Siebe lauffen lassen, das giebt den vortrefflichsten Sand, dabey man doppelte Unkosten sparet, 1) daß man den alten Schutt nicht darff wegführen, und 2) keinen Sand zuführen lassen.

§. 28. Die Vermischung des Kalckes mit dem Sande geschiehet, wenn man anfangen will zu mauren, da man den Kalck aus der Grube herfür hohlet, und vom gegrabenen Sande 3/4, vom Fluß-Sande 2/3, wenn der  Sand aus altem Schutt gemacht 5/7 unter den Kalck wohl durchschläget, bis das Eisen trocken herausgezogen wird; dergleichen Materie nennet man nachmahls Mörtel.

§. 29. Ausser denen erwehnten Materialien brauchet man noch zum Bau insonderheit Glaß, Kupffer, Eisen, Bley. Das Glaß muß fein weiß und rein seyn, und wo müglich aus Spiegel-Scheiben bestehen; der gleichen zu uns aus Böhmen gebracht werden. Wenn das Kupffer gut ist, muß es roth seyn, mit etwas gelb untermenget; dazu wohl floriret, das ist voller Löcher. Man braucht es zu Röhren, Rinnen, auch wohl zu Bedeckung des Daches, das Eisen wird zu Klammern, Nägeln, Schlössern Bänden u. s. f. gebraucht; Wenn dasselbe in grosse viereckigte Kuchen oder Blechen geschlagen, müssen die Adern darauf fein gerade seyn, daraus man erkennet, daß es fein geschlacht ohne Knorren und Schieffer sey, auch den Hammerschlag wohl vertragen könne. Das Bley braucht man letztlich zu Röhren, Rinnen, Bedeckung des Daches, Vergiessung der Klammern u. s. w. Das beste ist, welches weiß siehet, je schwärtzer es ist, je schlechter es ist.


Das X. Capitel.

Von dem willkührlichen Zierath überhaupt.

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p. 495–496

§. 85. Bey der Mahlerey des Hauses sind überhaupt folgende Erinnerungen in acht zunehmen, 1) der äusserlichen Wände vornehmste Zierde bestehet darinn, daß sie fein starck und dauerhafft scheinen; daher müssen sie entweder gar nicht, oder mit Dunckeln, als Stein- und Marmor-Farben vermahlet werden. 2) Will man andern Zierath daran mahlen, schicken sich dazu am besten feine zierliche Säulen; und zwischen denselben oder unter denen Fenstern Sinn-Bilder mit sinnreichen devisen; 3) Personen müssen an die äussern Wände nicht in ordentlicher, sondern Risen-Gestalt gemahlet werden. 4) In denen Zimmern werden die Wände entweder mit Helden-Wercken, als Schlachten, Tourniren, Jagden und dergleichen oder Landschafften gemahlet. 5) Jene schicken sich am bequemsten in grosser Herrn, Fürsten und Kriegs-Bedienten Palläste; diese in bürgerlichen privat-Gebäuden. 6) Beyderley müssen nicht nach der Phantasie des Mahlers verzeichnet werden, sondern sich auf gewisse geistliche und weltliche Historien gründen. 7) Billig soll jedwedes Bild in demselben Zimmer gemahlet werden, allwo es affigiret wird, damit sich der Mahler desto besser nach dem Licht und Schatten desselben richten könne: 8) insonderheit wo etwas perspectivisch gerissen wird, da der Augen-Punct in die Thür des Zimmers gesetzet wird. 9) Menschen Portraite werden am füglichsten nur durch Brust-Bilder vorgestellet, weil sie insgemein in die Höhe gehangen werden, da denn ihre Füsse nicht füglich über dem Boden des Zimmers können erhaben seyn. 10) Auch müssen dergleichen nicht in à la mode, sondern in alten Romanischen oder Schäffer-Habit und dergleichen gemahlet werden, weil sich die Moden der Kleider bald zu verändern pflegen, und nachmahls nur verächtlich werden.