Zedler – Ludovici 1745/XLV
Johann Heinrich Zedler – Carl Günther Ludovici (edd.), Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden… XLV (Trap–Tz), Halle – Leipzig [Johann Heinrich Zedler] 1745.
col. 1621–1622
Tünch
Tünch, ist ein Ueberzug derer Mauern oder Wände um diese desto besser zu verwahren, desgleichen zierlicher zumachen, nicht weniger Kälte und dergl. m. von denen Zimmern abzuhalten; es wird auch wohl Ueberzug, Wurff, Ueberwurff u. s. w. genennet, und werden hier und dar die das Tünchen verrichtende Leute Weißbender geheissen, daß sie eine besondere Zunfft ausmachen, da anderwerts das Tünchen, bewerffen, weißen, anstreichen derer Gebäude denen Maurern zukommt. Goldmann in der vollständige Anweisung zu Civil-Bau-Kunst, L. XXI. p. 68 ertheilet von den Tünch und dessen Gebrauch diesen Bericht: Es sollen aber die Mauren inwenig wohl rauhe beworffen werden, wenn nun solche Bewerffung geschehen ist, wird mit der Mauer-Kelle ein Ueberzug, darauf den andere und dann der dritte aufgestrichen. Dieser Ueberzug geschihet mit Kalck, der mit Sande vermischt ist, und muß der Kalck so wohl gerühret seyn, daß wenn man mit dem Zimmer-Beil hinein hauet, keine Steinlein gefunden werden, die das Zimmer-Beil schärtig machen; so soll auch dieser Kalck im Einrühren nicht an der Rühr-Krücke hängen bleiben, sondern durch Abfallen dieselbe rein lassen. Auf die Ueberzüge haben sie vor Zeiten noch einen dreyfachen Ueberzug aus Marmor-Mehl gestrichen, also daß wenn ein Ueberzug trocknete, der andere dünnere, und auf diesen der dritte der allerdünnste aufgestrichen ward. Wenn also der Marmel-Ueberzug gläntze, so waren sie gewohnt, auf diesen feuchten Tünch Farben anzulegen, welche nicht leicht vergiengen und einen feinen Glantz von sich gaben. Des Tünchens der Mauren sind unterschiedliche Arten, dero Geschlechte hier zu erlernen seyn; Erstlich aus Gyps oder feinem Kalck, diesen Tünch nennte man Albarium Opus siehe diesen Artickel im I Bande, p. 933; wenn es aber mit Kalck und Sand geschahe, hieß es Arenatum d. i. Sand-Tünch siehe Arenatum Opus im II Bande, p. 1301; wenn es aus Marmor und Kalck bereitet ward hieße es Marmor-Tünch, Marmoratum, siehe Marmoratum Opus, im XIX Bande; p. 1621. Es pflegten aber die Alten so dicke Bewerffungen und Tünch zugebrauchen, daß darauf die Rechenmeister heut zu Tage gantze Tafeln schneiden könnten. Unter den Lateinischen Nahmen Tectorii, welches auf Deutsch Tünch gegeben wird, verstehet man auch die Uberkleidungen, wenn man die Mauren mit Tafeln aus Marmor, Alabaster oder Glase oder auch mit Muscheln überkledet, welche letzte in den Lust-Höhlen, sonderlich wo Wasser ist wohl stehen. Zuletzt ist die Ordnung auch wohl zubehalten, denn zuförderst werden die Gewölbe, hernach die Mauren beworffen und getünchet, endlich die Estrich und die Böden vollendet. Wird die Sache nicht recht gemacht, so giebt es lose und bald absfallende, hiermit aber einen Bau verstellende Arbeit. Dergleichen machten die falschen Propheten in Geistlichen, Ezech. XIII, 10. u. f. XXII, 28. da sie die Boßheit der Jüden mit falschen Trost, mit heuchlerischer Gutsprechnung mehr verkleisterten als tünchten. Es fiel alles häßlich am Tage der Heimsuchung ab. Schneiders Biblisches Lexicon p. 456. u. ff. Will man gute Weiße, so in nassen Tünch bleiblich und beständig sey, machen; so muß man es folgendergestalt zu Wercke richten. Man nimmt Kalck der da weiß ist, und thut ihn in einen Topf und geust Leim von Ochsen-Schwäntzen gesotten daran, läst es 14 Tage stehen, geust aber alle Tage des vorgemeldeten Wassers oder Leim daran; darnach nimmt man den selben Kalck, und trocknet ihn an der warmen Sonne, an einer Mauren, und läst ihn auf 14 Tage oder noch länger stehen; so wird die Sonne die Färbigkeit heraus ziehen. Darnach schlägt man den kalck wieder von der Mauren, und reibt ihn mit vorgemeldetem Leim-Wasser gar wohl, und macht Kügelein daraus, und legt sie an die Sonne, läst sie trocken werden; Ist das geschehen; so hat man eine gute Weiße in nassen Tünchen. Wenn man gut anwerffen will in Wasser-Tünchen; so muß man Schwärtze nehmen, welcherley man will, legt sie in ein Feuer, läst so läst solche glüend werden, und loscht sie ab in einem Wasser, so kann man gut schwartz bewerffen und ist auch gut in nassen Tünchen. Desgleichen Berg-Zinnober, gebrannter Zinnober, Ertzgrün, fein Lasur, Berg Lasur, der klein ist, Bleygelb, Venedischgelb, einiges Parissroth, Ogger, Berggrün sind alle gut in nassen Tünchen zu mahlen. Curieuse Kunst- und Werck-Schule, II Th. p. 312. Vitruvius im VII Buche Cap. 2. mercket and, es diene sehr zu Festigkeit des Tünches, wenn man den Kalck wohl erbeitzen, und nachdem man den Sand darunter gerühret, mit grossen Fleiße durcharbeiten lässet. Wolffs Anfangs-Gründe aller Mathem. Wissenschafften I Th. p. 456.
col. 1622–1623
Tünchen
Tünchen, heißt auch übertünchen. Wenn man eine Mauer übertünchen will, verfährt man folgender Gestalt: Wenn man die Mauer recht ausgetrocknet, so bewirfft man sie zu drey unterschiedlichen mahlen mit Mörtel. Wenn das bewerffen getrocknet; überziehet man sie mit noch zärterem Mörtel, der aus Kalck und zärtem Sande als der erste zubereitet worden, oder mit Gyps gleichfalls zu drey unterschieden mahlen. Warum man so und nicht anders verfahren solle, davon kann man folgenden Beweiß geben. Es begreifft ein jedweder, daß die Mauer erst getrocknet seyn müsse, ehe man den Tünch aufträgt, ingleichen daß man ihn nicht auf einmahl auftragen müsse. Maßen sonst die Mauer alsden erst trocken würde, wenn der Tünch schon trocken worden, und der Tünch trocknet oben eher als unten. Dannenhero muß er im ersten Falle entweder springen oder sich gar abschälen; im andern Falle hin und wieder Ritze bekommen; welches beydes der Dauerhafftigkeit des Gebäudes zu wieder ist. Man übertüncht die Mauren von innen und von aussen aus der Ursache, weil die übertünchten nicht allein besser aussehen, sondern auch mehr Licht zurücke werffen und von aussen durch den Regen und die Feuchtigkeit der Lufft nicht so leichte Schaden nehmen. Wolffs Anfangs-Gründe aller Mathematischen Wissenschafften, im I Th. p. 455. u. f.
col. 1623–1624
Tüncher
Tüncher, haben in Nürnberg ein schon vom Jahre 1596 her mit löblichen Gesetzen und Verordnungen versehenes Handwerck, krafft welcher ein jeder, so da Meister werden will, ein besonderes Meisterstück machen muß, und zwar 1) vier Schwebebogen also glatt mit Mörtel bewerffen und betünchen, daß nach Anlegung der Schnur und Bleywage alle Ecken just zusammen treffen, und gantz keine Lücke oder Raum daran zu finden sey. 2) Ein drey Stockwerck hohes mit einem Ercker versehenes mit höltzernen Balcken und einem steinernen Fuß Steinfarbig mit weissen Strichen, die Felder aber grau angeleget, mit schwartz und weisser Farbe aufgehöhet, und so wohl der Bleywage, als dem Zirckel, Richtscheid und Winckelmaas nach wohl und richtig eingetheilet sind, wobey sie ziemlich warm gehalten werden, und solchem nach den Nahmen eines Meisters und deren Gerechtigkeit mit saurem Schweiß erlangen müssen. Es pflegen aber die Tüncher nicht nur das Gemäuer an gemeinen Gebäuden, sondern auch die Künstliche Stuccador- und Gyps-Arbeit in grossen Sälen und herrlichen Pallästen anzuweissen, und mit reiner Tünche zu überkleiden, die Häuser mit gemeiner Steinfarbe anzustreichen, und nach dem Quadrat mit weissen Strichen zu durchziehen; ja sie haben nunmehr so viel gelernet und ihre Arbeit so hochgebracht, daß sie das Mauerwerck Purpurfarb, grau oder gelblicht zum Grunde antünchen, so denn recht nach der Architectur die Fenster mit Bogen und Gesimmsen, weiß in grau gemacht, umziehen, die Thüren aber mit artlichen Portalen umgeben, und mit allerley sehr wohl in das Auge fallenden Laub- und Säulenwerck, so öffters auf Marmor-Art spielet, wie auch mit Festonen, Knöpffen und antiquischen Blumen-Töpffen auszuzieren wissen. Sie pflegen auch den Mahlern in die Hand zu arbeiten, und diejenigen Decken und Mauerwercke mit zarten Mörtel auf das glatteste und reineste zu überziehen, damit so denn der Mahler mit seinem Kunst-Pinsel, die zierlichsten Figuren, so wohl mit Leim, als Milch, und Wasser angemachten Farben auf die noch nasse Tünche, und wie man sonst zu reden pfleget, in Fresco vorstellen könne. Neben diesen Kalch- und Wasser-Farben wissen sie nicht nur die Balcken, Sparren und Treppen der Gebäude, sondern auch mancherley Holtz- und Schreinerwerck mit beliebigen, so einfachen als vermischten Farben anzustreichen; sonderlich wenn man schöne und grosse Kirchen, hohe und prächtige Thürme übertünchen soll, wird nothwendig von den Tünchern erfordert, daß sie mit den Gerüsten wohl umzugehen wissen, worzu aber kein schwindlichter Kopff und zaghafftes Gemüthe gehöret; auch wird ein besonderer Vortheil erfordert, wo man die Stangen in tiefe Wasser und andere morastige Oerter, woran offt die herrlichsten Gebäude zu finden, einsencken muß. Es kommet auch den Tünchern zu, allerley gefirnstes Tafel- und Schreinerwerck mit Seifen-Laugen abzuwaschen, und von neuem mit Firniß zu überziehen, als womit sie vortheilhafftig umzugehen, und manchen alten verschmutzten Schrancke und vom Rauch beschwärzte Stube also neu glänzend zuzurichten wissen, als wenn er aus des Schreiners Werckstatt gantz neu herausgekommen wäre. Und ob schon theils Orten die Mäurer, wo kein Tüncher zufinden, sich solcher Arbeit unterfangen, ist doch zwischen beyderley Getünche ein sehr mercklicher Unterscheid, daß, so wenig der Tüncher ein Mahler zu nennen, eben so wenig auch der Mäurer, die zumahl be diesen Zeiten sehr zugenommene, und nach der Architectur gar fein eingerichtete Tüncher-Arbeit nachzuahmen weiß.
