Zincke 1753
Georg Heinrich Zincke, Allgemeines Oeconomisches Lexicon, Darinnen nicht allein Die Kunst-Wörter und Erklärungen dererjenigen Sachen, welche theils in der Oeconomie überhaupt, theils insonderheit in einer vollständigen Landwirtschafft und Haushaltung von Acker- Feld- Holtz- Hopffen- Obst- Wein- und Garten-Bau, Wiesewachs, Fischerey, Jägerey, Bierbrauerrey, Brantweinbrennerey, Vieh-Zucht zu wissen nöthig; ingleichen was hiernechst vom Bau-Wesen bey Anlegung gantzer wirtschafftliche Gebäude, wie auch von Machinen, Instrumenten und Werckzeugen, oder sonst bey täglichen Verrichtungen im Hause, Küche und Keller vorzukommen pfleget…, Leipzig [Johann Friedrich Gleditschens Handlung] 1753.
col. 1352–1356
Kalch oder Kalck, ist eine aus gewissen Steinen gebrannte weißlichte und trockene Materie, welche zum Mauren und Berappen der Gebäude gebrauchet wird. Ein wohl gebrannter Kalch soll um das dritte Theil leichter wägen, als die Steine gewogen haben, daraus er ist gebrannt worden, auch wird seine Güte daran verspühret, wenn er, so daran geschlagen wird, fein helle klinget, und wenn man Wasser darauf geust, alsbald anfänget zu dämpffen und zu sieden. Die Steine, so man darzu nimmt, sollen nicht mit Erden vermischet seyn, weil der Kalch davon unrein wird, auch nicht dürre, faul und alt abgelegen, sondern aus frischen, schattichten und feuchten Stein-Brüchen. Die gemeinesten Steine hierzu sind die weissen, oder blaulichten Kalch-Steine, so trocken sind und gerne brechen. Zu Mauerwercken und zum Mörtel gehöret Kalch, der aus schweren, frischen u. aus dem Bruche erst kommenden Steinen gebrannt, oder aus alten Mühl-Steinen gemacht ist. Die Kiesel- oder Feld-Stein, so in Bächen und Wassern gefunden werden, geben einen Kalch zu sauberer Arbeit, der auch darum meistens zum Tünche verbraucht wird. Der aus Schiefer-Steinen gebrannte Kalch, weil er schnell anziehet, und dauerhafftig ist, tauget sowohl in Wetter als im Wasser, muß aber, so bald er genetzet worden, verbrauchet werden, sonst verbrennet er und verzehret sich selbst, daß er hernach nicht mehr bekleidet noch angreifft. Aus schwammichten, löcherichten und mürben Steinen, weil sie sich am besten ausbrennen lassen, wird ein Kalch gebrennet, welcher am besten zum tünchen, berappen und verwerffen der Mauren dienet. Aus gewissen Arten Marmor-Steinen, dergleichen man in den Graffschafften Wied und Idstein, auch zu Durlach in grosser Menge bricht, auch in selbigen Gegenden auf dem Felde findet, und welche theils schwärtzlich, theils grau, und zum theil vielfärbig sind, wird der schönste weisse Kalch gebrannt, welcher sowohl zu Mauren, als Tünchen wortrefflich gut ist. Aller aus diesen nur gedachten Steinen zubereitete Kalch wird zum Unterseid des Gipses auch Stein- ingleichen Streich-Kalch genennet, weil er nicht wie jener in der Nässe bald erhärtet, sondern sich wie ein Muß streichen lässet. Dieussart im Theatr. Archit. hält auch den Kalch, der aus den Fluß- und See-Muscheln gebrannt wird, vor den besten. Goldmann aber hat gezeiget, daß er sich zwar zum Mauren, aber nicht zum Tünchen schicke, wenn er in freyer Lufft bleiben muß, indem er die Nässe nicht vertragen kann. Und eben das ist auch von Gruben- oder gegrabenen Kalch, den man bisweilen findet, zu mercken, wie auch von demjenigen Kalch, welcher aus einer weissen Erde gebrannt wird, die man wie Leim-Erde in viereckigten Stücken aussticht. Aus guten geläschten Kalch und guten Sand wird hierauf der Mörtel durch Rühren, Stampfen und starke Herumarbeitung gemachet, damit sich Sand und Kalch wohl mit einander verbinden. Je kleiner nun beydes, ie besser es verbunden, und ie weniger Löcher oder Pori an der zusammen und aufgetragenen Materie sich befinden, desto fester und dauerhaftiger bindet der Mörtel die Mauer. Die Alten sparten daran keine Mühe. Daher sind ihre Mauren so feste. Ja die Künstler, welche marmorirte Wände machen, thun in der That nichts anders, als daß sie ihre Masse auf das allesubtileste unermüdet ausarbeiten, und ihr dadurch ein dichtes und festes Wesen geben. Zum Brennen hat man entweder einen besondern Kalch-Ofen von beliebiger Höhe und Weite, ie höher er aber ist, ie besser wird er sich aushitzen. In diesen setzet man die Kalch-Steine fein dichte, schlichtet aber auch zugleich etliche Stangen mit hinein, damit, wenn solche ausgebrannt sind, die Hitze desto besser durch die davon gewordene Lufft-Löcher, hinauf dringen, und die Steine völlig durchhitzen möge. Das Feuer wird unten in die Schlufft-Löcher gemacht, und damit fast acht Tage continuiret, bis der Kalch tüchtig ist, (wofern aber der Ofen gut, und die Steine recht, so braucht man zu einem guten ausgekochten und gebrannten Kalche 60 Stunden: und muß man sonderlich darauf sehen damit man das Holtz spare; der Profit ist auch sonst nicht sonderlich bey der Kalch-Brennerey); sodenn werden demselben zum Auskühlen, acht, zehen bis zwölff Tage Frist gelasen, und währender Zeit, daß ihn nicht die Lufft oder der einschlagende Regen von sich selbst loschen möge, mit Bretern bedecket. Nachdem er nun genugsam abgekühlet, wird er in Stücken heraus genommen, und zum Gebrauch verwahret. Zu einem Brande von drey hundert Tonnen Kalch muß man, ohne das Schmauch-Holtz, etliche zwantzig Clafftern Scheite haben. Oder man brennt mancher Orten in denen Ziegel-Oefen den Kalch und die Ziegel mit einenader, da nemlich die Bäncke und das Schloß mit Kalch-Steinen ausgesetzet werden, oben darauf aber der Ofen vollends mit Ziegel-Steinen angefüllet, und übrigens die Feurung, wie bey denen Ziegeln, tractiret wird. An einigen Orten macht man nur eine ablange Grube, schlichtet darinnen die Steine, damit sie nicht zusammen fallen und ungleich brennen, dichte, iedoch dergestalt auf einander, daß unten das behörige Feuer-Loch ledig bleibe. Sodenn wird die Grube mit Leimen zugeworffen, und Feuer darunter geschürt, welches man sieben oder acht Tage lang in steter Flamme unterhält, bis die Steine so aus- als inwendig glühen, und kein Rauch noch Dampff mehr gespühret wird. Den abgekühlten Kalch, wie ihn der Kalch-Brenner aus dem Ofen oder Brand-Grube führet, heisset man lebendigen oder ungelöschten Kalch, welcher aber nach dem Brennen mit Wasser abgelöschet, und gleichsam zu einem Brey gemachet wird, heißt gelöschet Kalch. Das Löschen des Kalches geschiehet also: Die Steine werden in einem eigenen von Brertern zusammen geschlagenen Kasten, mit darauf gegossennem Wasser, welches davon siedend wird, durch starcke und fleißige Leute mit eisernen Krücken unter einander gestossen und zerrühet, damit das Wasser allenthalben durchdringe, und mit dem Kalch wohl vermenget werde, hernach ziehet man das Vorsatz-Bret des Kastens, und läßt den flüßigen gelöschten Kalch in die dabey befindliche grosse Grube, welche, wenn des Kalches genug gelöschet, nur allein mit Brettern, oder mit Sande, oder aber mit Brettern darauf ein paar Zoll hoch Sand geschlagen, wohl überdecket, und also bis zu seinem baldigen Gebrauch (den durch allzu langes Liegen verlieret er seine Kräffte) verwahret wird. Eine bessere Art den Kalck zu löschen, und acht bis neun Jahr und länger dauerhafft zu erhalten, ist, wenn man den eben ietzt aus dem Ofen kommenden Kalch auf einem saubern ebenen von starcker schwehrer Leim- oder Letten-Erden natürlich dichten, oder erst also mit Fleiß auf Tennen-Art zugerichteten und wohl geschlagenen Platz, drey Schuch hoch, iedoch in selbst beliebiger Länger und Breite fein gleich in und auf einander schichtet, denselben oben und and den Seiten herum mit gutem Feld- oder Wasser-Sand zwey bis drey Schuh dick beschlägt und beschüttet, folglich so viel Wasser und so lange darüber giesset, bis der Sand und der darunter liegende Kalch genug durchnetzet. Wo der Sand in währendem Begiessen, wie öffters geschiehet, Risse gewinnet, und sich spaltet, da muß man ihn mit andern schon im Vorrath liegenden Sand wieder zuwerffen, und damit dem von der Hitze aufwallenden Dampff den Ausgang und der eindringenden Lufft verwehren; und solcher Gestalt kann er weder von unten, wegen des Bodens Festigkeit abwärts, noch wegen des darauf liegenden Sandes von oben hinaus dunsten, und behält also sein gantzes Vermögen und Krafft wohl beschlossen in sich selbst. Dieser so bereitete Kalch ist, wenn man ihn über kurz oder lang anschneidet, so weich wie ein Käse, und zu Bekleidung der Wände, zu erhabene Arbeit, auch insonderheit zum Grund auf die Wände die bemahlet werden sollen, sehr gut: denn er löset oder lediget sich nicht ab, und läst denen Farben ihren schönen, hohen und lebhafften Glantz fort und fort ungeträncket. Wenn der Kalch von sich selbst in der Lufft ablöscht, zerfällt er zu Staub, und taugt sodenn nicht zum Mauren. Ein Hauswirth hat einen besondern Vortheil im Bauen, wenn er auf seinem Grund und Boden gute Kalch-Steine aus den Bergen brechen, oder auf dem Felde und aus dem Wasser sammlen, und in seinem Kalch-Ofen brennen kann. Er muß aber nicht nur besonders darzu berechtiget, sondern auch der Ofen selbst an einem von andern Gebäuden entfernten Orte aufgerichtet seyn, damit dieselbige nicht allein wegen der leichtlich zu befahrenden Feuers-Brunst in keiner Gefahr stehen, sondern auch der stinckende ungesunde Dunst den Nachbarn nicht beschwerlich seyn möge. Sonst ist ein Kalch-Ofen, oder eine Kalch-Hütte und Brennerey, wenn sonderlich die Mateire nahe bey der Hand, in der Gegend, wo viel gebauet wird, und dal Holtz nich allzu rar, ein feines austrägliches, iedoch ausserwesentliches Pertinentz-Stück be Land-Gütern, und überhaupt eines der nöthigen Land-Nahrungs-Geschäffte, welche allerhand Nutzen in der Erde unmittlebar suchen, und gehöret nebst den Ziegel- und Salpeter-Hütten zu denen Brenn- und Sied-Wercken. Einige bedienen sich des Kalches zu Düngung in ihren Kraut- und Küchen-Gärten, wenn sie andere Düngung entweder gar nicht, oder doch nicht zu rechter Zeit, in welcher man sie nötighet, bekommen können; allein es ist solcher weit mehr schädlich, als nützlich, indem er zwar die Fruchtbarkeit anfangs sehr vermehret, aber die Garten-Felder dabey übertreibet, daß sie ihre Kräffte auf einmahl verspenden, und hernach nichts mehr nütze sind, nach dem alten Sprichwort: Wenn ein Grund mit Kalch gedünget worden, so werden nur alte Leute davon reich. Wenn man aber den Kalch mit etwas Erde vermischet, so kan man ihn, sonderlich in unreinen Aeckern, wie auch gegen allerhand schädliches Ungeziefer, als einen Dünger brauchen; ja er dienet auch, die Corruption der Körner zu verhindern, welche der Brand verursachet. Davon siehe die Leipziger Sammlungen das zweyte Stück p. 97. Von ungelöschten Kalch und süssen Quarck kann ein unglaublich fest zusammen haltenden Leim verfertiget werden; so pfleget man ihn auch bey der Zubereitung eines und andern kalte Kütts zu gebrauchen, davon unter dem Worte Kütt ferner nachzuschlagen. Es hat auch der Kalch in der Artzney seinen Nutzern, und wird davon ein zu frischen und alten Wunden sehr dienliches Wasser also bereitet: Nimm ein Stücke ungeloschten Kalch, so starck als eines starcken Mannes Faust, lege solchen in einen glasurten Topff, geuß zwey Meß-Kannen klares Wasser darüber, und decke es wohl zu; nach zween Tagen rühre Wasser und Kalch mit einem Stecken wohl durch einander, laß es wieder also drey Tage stehen, hernach gieß das klare Wasser gemach, daß der Kalch sich nicht mit vermische, herab in ein küpffernes Geschirr, thue einer welchen Nuß groß gestossen Campher darein, und giesse es etliche mahl in nur gedachtem küpffernen Gefässe wohl durch einander, bis es blau wird, da man es denn in ein reines Glas abgiessen, und darinnen zu nöthigen Gebrauch verwahren kann.
