Schübler 1720

Johann Jacob Schübler, Perspectiva, Pes Picturae. Das ist: Kurtze und leichte Vefaßung der practicabelsten Regul zur Perspectivischen Zeichnungs-Kunst. Zweyter Theil. Worinnen angewiesen wird/ wie alles was von Architectonischer Invention durch die Perspectiv, als das Haupt Fundament der Edlen Mahlerey, correct aufgezeichnet worden/ mit dem behörigen Sonnen- Tag- und Flammen- Licht/ zur natürlichen Vollkommenheit zu bringen: und wie der Eigentliche Schatten nach einer zweyfachen Methode zu erlernen; über dieses wie durch einen kurtzen Begriff/ so wol die Vertical- und Horizontal-Perspectiv, Schein-Cuppeln und General-Plafond, vorzustellen seyn: als auch/ wie das menschliche Auge/ vermittelst einer subtilen Beschaffenheit/ durch die curiöse Longimetrie Optic, mit Anamorphotischen Repræsentationen zuvergnügen ist, Nürnberg [Johann Christoph Weigel] 1720.


pp. 34–36

Beschreibung der Tabula 12.

Figura 1. 2. 3. 4.

Gründliche Anweisung/ wie man ein gemahltes Deck-Stück/ vernünfftig soll anschauen lernen/ daß man so wol das verfertigte Gemählde nach Wunsch beurtheilen: als selbsten verfertigen kan.

DJe so genannte Horizontal-Perspectiv, welche auch von einigen Optische Plafonds genennet werden/ seyn in der Taht nicht so schwer/ als sich vielleicht etliche die Rechnung gemacht haben; daß sich dadurch ihrer viele durch die verschriehene Mühseeligkeit abschrecken lassen/ eine genauere Kundschafft davon einzuholen. Daß aber die vermeinte Schwerigkeit/ eine leichtere Procedirung nach sich ziehet/ wird die nachfolgende Unterweisung einen jeden überzeugen/ der mit der Durchlesung einiger Exempel/ eine kleine Gedult ausüben kan. Ehe wir aber Anleitung geben/ wie dergleichen Horizontal-Zeichnungen ihre Endschafft erreichen/ so soll vorhero mit kurtzen Erwehnung geschehen/ aus was vor Ursachen die aufwärts-verkürtzte Sehe-Kunst/ den Namen eines Horizontal-Perspectivs, erlanget hat.

Hierzu dienet uns Figura 1. worinnen die Linie A. B B die Grund Fläche vorstellet/ worauf alle veritable Gebäude perpendiculariter aufgebauet werden. Wenn nun eine Perpendicular-Linie und eine parallele einander durchkreutzen/ so formiren sie einen Angulum rectum, und kan die Perpendicular-Linie mit einem Senck-Bley/ die Parallele aber mit der Wasser-Wage eine Gleichheit haben. Was hiernächst von einer Fläche Wagrecht zu Gesichte kommet/ es sey groß oder klein/ das läufft mit dem Horizont parallel: was aber perpendicular stehet/ das bleibet allezeit Senckrecht. Nun wollen wir uns mit der Grund-Linie A. B B eine solche Superficiem einbilden/ welche die halbirte Länge eines langen Saales vorstellet: zu Ende des Gebäudes aber oben bey der Cornise, ist eine flache Decke C. D D, die ebenfalls mit der Linie A. B B parallel läufft. Weil demnach die Linie A. B B die Grund Fläche und die Linie C. D D die Decke ist: also spricht man die Linie C. D D. sey mit dem Horizont gleich/ und was darauf im Gesicht erscheinet/ müsse nach der Breite und Länge/ in einem geometrischen Form erscheinen; was hingegen der Höhe nach sich zeiget/ müsse/ an statt/ daß es sich perpendicular præsentire/ durch Gesichts-Linien zum Vorschein gebracht werden; daß also alles dasjenige/ was bey verticalen Perspectiven aufwärts stehet/ hier zu lauter liegenden Figuren wird: und ist diese Manier ober sich hinauf oder Horizontaliter, nicht im geringsten schwerer als die Vertical-Perspectiv, sondern sie soll nach unserer neuen Methode so wol denjenigen/ der sie verfertiget/ als der sie betrachtet/ leicht zu capiren seyn; daß dadurch der Mahler/ der solche in Fresco, mit Oel/ auf Gips/ oder granirte Leinwand vorzustellen gedencket/ sein Vorhaben recht examiniren/ und der es machen läst/ examiniren kan/ ob in allen Stücken der Ordnung nach recht verfahren worden ist.

Zum Werck aber selbsten zu schreiten: so erwähle man an demjenigen Ort/ wo ein solcher Plafond verfertiget werden soll/ entweder das Mittel/ oder die Gegend wo man ihn am meisten ansehen kan/ zu den Stand des Menschen; den wir hier mit der Figura B bemercket/ und setze mit des Menschlichen Auges-Höhe in B den Distanz-Punct. Wäre es hingegen eine Sache/ daß gedachter Saal schmäler als lang wäre/ so bestimmet man mit der halben Breite desselben/ aus der Seite A biß D noch eine andere mit der vorigen in der Höhe correspondirende Distanz. Alsdenn erwählet man sich was oben hinauf soll gemahlet werden. Ist es nun/ daß ein solcher Saal/ wie vorhin gedacht/ die Decke über der Cornise gleich aufliegend hat/ so wird der Anfang vor die Durchschneidungs-Linie K angenommen/ die wir hier um besserer Deutlichkeit willen/ in etwas über die Cornise gezogen haben. Hierauf zeichnet man das Profil E, von der Architectonischen Invention, die man horizontaliter vorstellen will/ und machet aus berührtem Profil, einen Geometrischen Grund-Riß Fig. 2. mit der Breite und Länge des veritablen Geometrischen Plafond, daß also aus dem Profil E, Fig. 1. die Verkrupffung H. H. C. F. und G. Fig. 2. formiret werde.

So man nun die Geometrische Zubereitung entweder auf Papier/ oder gleich an die Decke selbsten zeichnet/ so kan man von dem Papier nach folgende Procedirung übertragen/ oder nach der warhafften Grösse/ wie ich bald sagen werde/ den sämtlichen Riß verfertigen. Hier wollen wir von der kleinen Form des Papiers den Aufzug machen und sagen/ wenn man von dem Distanz-Punct B, Fig. 1. von dem Profil E, welches über die Durchschnitts-Linie K, aufrechts gezeichnet worden/ so viele Gesichts-Linien ziehet/ als die hervorragende Glieder der Architectur Ecke haben: so werden sie auf der Durchschnitts-Linie K, so viele Unterschneidungen oder Berührungen geben/ als der Linien gewesen seyn. Wo diese Gesichts-Linien gedachte Berührung erreget/ kann man solche Sectiones entweder vor gebrochene Linien annehmen/ welche man durch Perpendicular-Linien aufwärts nach den Geometrischen Zubereitungs-Riß Fig. 2. geführet: oder sie können von dem äussersten Theil des Profils auf der Durchschnitts-Linie K biß L mit dem Circkel ergriffen/ und in Fig. 2. getragen werden.

Wenn man einen von diesen zweyen Wegen erwählet, und solche Optische Mensuren oder Perpendicular-Linien in die zweyte Figur eingetragen hat: so bestimmet man mit der correspondirenden Distanz B, einen Mittel-Punct I. Fig. 2. den man allhier in dem Horizontal- Perspectiv vor den Aug-Punct annimmt. An den Punct I, werden aus den Ecken des Plafond H H, schräge Linien M M gezogen/ welche allhier/ weil sie nach den Aug-Punct lauffen/ Gesichts-Linien heissen/ und dasjenige verrichten/ was bey Verticalen Perspectiven/ die Perpendicular-Linien verrichtet haben. Seyn nun diese Gesichts Linien H. M. I. vermögend/ die Perpendicular-Linien vorzustellen/ so darff man ohne vieles Nachdencken/ aus allen verkrüpfften Ecken der Geometrischen Zubereitung/ wie zum Exempel aus G ebenfalls Gesichts-Linien nach I ziehen/ so werden sie die vorigen/ von der Durchschnitts & Linie K, Fig. 1, perpendicular aufgeführte Linien durchschneiden/ und die Horizontal-Figur recht Optisch zum Vorschein bringen; daß ein jeder der alsdenn solche Durchschneidung erblicket/ gleich im ersten Anfang/ die leichte Procedirung begreiffen kan/ welche bey der ordentlichen Methode gleichwol eine grosse Mühseeligkeit in sich geschlossen hat. Ich zweiffle dannenhero gar nicht/ so man dieses wenige ernstlich durchlesen/ und die Figur dabey wol angesehen hat/ daß ein jeder angehender Fresco Mahler/ der vorhin seine Arbeit/ in zweiffelhaffter Practic zu vollenden gesuchet/ stillschweigend in sich gehen/ die Fehler künfftig vermeiden/ und seinem Pinsel eine sichere Richtigkeit angewohnen werde. Diejenigen aber/ welche dergleichen Arbeit verfertigen lassen/ die werden aus der bestimmten Distanz B. leichtlich erlernen/ daß wo sie ihre erlangte Arbeit mit dem Intent des Mahlers/ und nach Optischen Gusto betrachten wollen/ sie den Stand anders nicht nehmen können/ als welcher ihnen durch B zu der Betrachtungs Stelle ist angewiesen worden.

Damit wir aber die obgedachte zweyte Distanz nicht vergessen/ so kan man durch selbige die schmale Seite ebenfalls auf der Durchschnitts-Linie K mit Sections-Puncten erforschen/ so man nicht die zwo Gesichts-Linien H. М. Т. Н. М. І. Fig. 2. davor annehmen will/ weil beyde eine gleiche Würckung und Accuratesse in sich fassen. Gesetzt/ man wolte die Distanz D. Fig. 1. gebrauchen/ um die Horizontal-Verkürzung der schmalen Seiten in dem Plafond zu überkommen: so ziehet man von eben dem Profil E, alle hervorragende Glieder der Architectur durch Gesichts-Linien nach den Distanz-Punct D, und wo sie die Durchschnitts-Linie K berühren/ daselbsten werden aus den Intersections-Puncten/ die Mensuren wie zuvor auf die breite/ hier auf die schmale Seite getragen/ und mit Gesichts-Linien nach I aus den Verkrüpffungen C f auf das neue abgeschnitten: so erscheinet die Scenographische Horizontal-Figur auf der schmalen Seiten in eben der Richtigkeit als die längere; und ist dieses die Ursache/ daß sie alle hier schmäler erscheinet/ weil die Breite des Plafonds nicht verstattet/ daß die Radii visuales von dem Stand-Punct an/ sich gegen C f, Fig. 2. oder von der Distanz D, Fig. 1. nach E so weit erstrecken können/ sondern weil der Gesichts-Strahl H. M. I. Fig. 2. aus dem Ecke des Geometrischen Plafond nach I gehet: so correspondiren auf solcher Linie beyde Distanzen miteinander/ und geben die richtige Verhältniß der schmälern mit der längern Seiten klärlich zu verstehen/ davon die Probe/ noch einen deutlichern Beweisthum an den Tag legen soll.

Man lasse zum Exempel aus der Distanz B, einen Radium nach den hintersten Eck des Profils E, gehen/ und einen andern aus D ebenfalls dahin; wo diese beyde scharffe Linien/ die Durchschnitts-Linie K in O und N berühren/ von daraus nehme man die gedoppelte Mensur, und approbire die Verhältnisse der schrägen Gesichts-Linien H. M. I. Fig. 2. Setzet den Circkel in X Fig. 1. und öffnet ihn biß O der kurtzen Distanz; traget solche Mensur an die äusserste Umfangs-Linie der Geometrischen Zubereitung des Plafond ohngefehr bey y, und rücket sie so lang/ biß diese Weite die schräge Gesichts-Linie H. M. I. berühret. Ergreiffet alsdenn abermal aus X die Weite X. N. der längern Distanz B. Fig. 2. und setzet sie von m gegen die rechte Hand/ so wird gedachte Weite mit der vorigen auf der Linie H. M. I. in einem Punct N. zusammen treffen; welche Probe so viel saget/ daß es gleich viel sey/ wenn man die Mensur nach der kürtzern Distanz überträget/ oder die aufgezogene Linien nach der längern Distanz bey ihrer Durchschneidung der Gesichts-Linie H. M. I. oder Durchbrechung p, mit Parallel-Linien gegen die schmählere Seiten führet. Wie nun die Linie p q die Höhe des hervorragenden Gesimses unseres gegenwärtigen Trag-Steines/ in der längern Distanz bestimmet: so giebt unstrittig die parallel gezogene Linie p. r. die Höhe der hervorragenden Gesimse der Trag-Steine C. f.

Solches noch mehr zu beweisen/ so giebt der viereckigte Form von dergleichen Horizontal-Plafonds deutlich zu verstehen/ daß die vorhin gedachten Linien C. M. I. Fig. 2. die zweyte Distanz B. erspahre/ und durch ihre Section gleichwol eine correspondirende Würckung hat. Denn/ so der Mensch auf der Grund-Linie A. B B, Fig. 3. stünde/ und die Distanz von Q. als dem Auge des Menschen/ gegen einen viereckigten Plafond genommen wird/ so wir hier von einer perpendicular punctirten Linie biß zur andern nemlich D D. B B und P B. wollen verstanden haben: so ist hierzu mehr nichts als eine einzige Distanz vonnöhten/ und das Postement P. Fig. 2. wäre wie vormals das Profil E. mit seinem Postement C. ebenfalls über der Durchschnitts & Linie K. im Profil aufgezeichnet.

Von solchen Hervorragungs-Gliedern/ gehen die drey blinden Gesichts-Linien/ biß an die Durchschnitts-Linie K. Ziehet man alsdenn diese drey erregeten Puncten mit punctirten perpendicular Linien 1. 2. 3. in eine viereckigte geometrische Zubereitung Fig. 4. biß an die schrägen Gesichts-Linien T. die hier zu Diagonal-Linien werden: so läst man alsdenn aus ihrer Berührung/ alle Glieder viereckigt herum lauffen; und so man ferner aus dem verkrüpfften Grund V. V. V. Gesichts-Linien nach O. ziehet: so formiren sie wie vormals/ die Postementen des Horizontal-Perspectivs.

Wie man aber den Geometrischen Grund bereitet hat/ solches kan man aus den blinden Linien R. S. abnehmen/ welche von dem Gesimse der Ionischen Ordnung aufgezogen/ daß man dadurch Anlaß bekomme/ ja nicht zu vergessen/ alleund jede Mensuren der Architectur von der erwählten Ordnung/ in die geometrische Zubereitung zu bringen. Denn so man in der Architectur etwas versehen hat/ und sich schmeigeln wolte/ weil gegenwärtige Figur, sich allzusehr verkrüpffet/ es hätte ein kleiner Fehler nicht viel zu bedeuten: so wird man sich gewaltig irren/ indem alle Breite von jedem Glied der ganzen Ordnung quadrirt verbleiben/ auch so gar die Circkel-Creise aus einem Centro gezogen, und nicht wie sonsten durch Puncten zusammen gehänget werden; dahero kan man die Fehler durch die Verkrüpffung keines weges verbessert finden/ sondern es endecket sich solches Versehen ganz klärlich/ und machet des Verfertigers Unverstand offenbar.

Dieses wäre demnach das ganze Fundament von viereckigten Horizontal- Perspectiven/ und könnte man sagen/ daß es mit einem Wort nichts anders sey/ als eine liegende Vertical-Operirung. Denn wenn im Vertical-Process, eine Säule auf die Erde niedergeleget wird/ so bleiben so wol alle Glieder die auf dem Boden liegen/ als die welche aufrecht stehen/ quadriret; diejenigen Theile aber/ als Würffel/ Schafft/ Friese/ und alle sonst stehende Perpendicular– Linien/ ziehen sich nach den Aug-Punct/ und verjüngen die Dicke gegen ihre Entfernung. Nimmt man herentgegen eine solche liegende Säule/ und erhebt sie über das menschliche Aug mit der Weite derjenigen Distanz wodurch sie liegend gemacht worden/ und schauet sie an: so scheinet sie uns nicht mehr liegend/ sondern perpendicular ob unserm Auge stehend. Aus diesem kann man nun capiren/ daß nicht allein die Architectur, sondern auch alle menschliche Figuren/ Summa: alle Objecta, als liegende Cörper in der Horizontal-Perspectiv anzusehen und zu verfertigen seyn/ davon ein mehrers bey nach folgender Tabell soll erkläret werden.