Gruber 1697
Johann Sebastian Gruber, Neue und Gründliche Mathematische Friedens- und Krigs-Schule…, Nürnberg [Christoph Riegel] 1697.
LIBER SECUNDUS.
De
ARCHITECTURA CIVILI.
Von der
Bürgerlichen Bau-Kunst.
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pp. 107–108
CAPUT IV.
Von dem Sand/ und dessen
Unterschied.
ES sind dreyerley Arten Sand/ als nemlich/ den man aus der Erden gräbet/ der aus einem fliessenden Wasser kommt/ und der aus dem Meer genommen wird: Derjenige/ so aus der Erden gegraben wird/ ist unter diesen dreyen der beste/ und wird solcher wieder in viererley Gattung getheilet/ als nemlichen in schwarzen/ grauen oder weissen/ rothen und dann carfunckel/ so in der Landschafft Toscana in Italien gegraben wird. Durch lange Erfahrung hat man/ daß der graue oder weisse Sand unter dem/ welchen man aus der Erden gräbet/ der schlimmste sey zum Mauerwerck/ dahero er auch nur zu Scheuren die Stuben/ Treppen/ Stühle/ Bäncke &c. gebrauchet wird; derjenige aber unter denselben aus fliessenden Wasser ist der beste/ welcher an dem Ort lieget/ wo das Wasser einen starcken Fall hat/ weil er also sehr gereiniget wird; und endlich ist derjenige/ unter dem Meer-Sande am besten/ so am Ufer desselben zu finden. Der Sand/ so aus der Gruben komt/ und an der Lufft/ Hitze/ Mondenschein/ Tau oder Reiffen nicht lange gelegen/ wird zu dem Gemauer und Gewölben am nutzlichsten gebrauchet/ weil er noch frisch; so er aber lange im Wetter gelegen/ wird er halb zu Grund und Erdreich/ bindet die Steine auch nicht veste zusammen/ und verursachet/ daß aus der Mauer allerhand wild Zeug von Bäumen und andern Dingen herfür wächset/ welches dann dem Bau sehr schädlich: Wo man aber keine Sand-Gruben hat/ soll man aus fliessendem Wasser Sand nehmen/ welcher sich ohne zum Dünchen und Weissen/ am besten schicket/ oder Kieß durch die Hüten werffen/ oder man kan in allem Nothfall den Meer-Sand zum Bauen gebrauchen/ wiewol solcher langsam trucknet/ und zun Gewölben nicht dienlichen ist/ werden auch gleich die Mauren/ so von Meer-Sande gemachet/ überdünchet/ so schwitzet doch die versaltzene Feuchtigkeit heraus/ und frisset die Dünche hinweg. In übrigen ist von allen Gattungen derjenige Sand am besten/ welcher mit kleiner [sic!] Erden vermischet/ und so man ihn zwischen den Händen reibet/ sehr knirschet/ deßgleichen/ so man ihn auf ein weiß Kleid schüttet/ und wieder davon abschüttelt/ kleinen [sic!] Flecken giebet/ oder Staub und Erden nach sich lässet. Vid. Vitruv. lib. 2. c. 4. Pallad. lib. 1. c. 4.
pp. 108–110
CAPUT V.
Vom Kalch/ und wie der Sand hierzu
zu proportioniren.
DIe Steine/ woraus der Kalch gebrannt wird/ werden entweder aus den Bergen gegraben/ oder aus den Flüssen genommen/ und ist zu mercken/ daß von den härtesten weissen Kieselsteinen der beste Kalch wird/ so bey dem Mauerwerck kan gefunden werden; hingegen der Kalch/ so von den lückligten und leichten Steinen gebrannt und gemachet wird/ ist nützlich zum Dünchen zu gebrauchen. Es werden aber die Steine im Kalch-Ofen gemeiniglich in 60. Stunden lang gebrannt/ ehe sie wiederheraus genommen/ mit Wasser an unterschiedlichen Orten abgelöschet/ mit einer breiten Hacken continuirlichen durch arbeitet/ und mit Sande vermischet werden/ jedoch findet man auch andere Steine/ so nicht so lang im Ofen bleiben/ sondern in einer kürtzerer Zeit können wol gebrannt werden/ wenn es nun frisch gegrabener Sand ist/ nimmt man dessen 3. Theil zu einem Theil Kalch/ ist aber der Sand aus fliessendem- oder Meer-Wasser/ so ist es genug am 2. Theil Sand zu 1. Theil Kalch. Brauchet man den Kalch nicht also bald/ thut man ihn in eine Grube an einem feuchten und schattigten Ort/ mischet nichts darunter/ sondern bedecket ihn nur ein wenig mit leichten Sande; je länger er nun lieget/ je besser und zäher wird er/ wenn man ihn hernach mit Sande gebührend vermischet und gebrauchet. Wie der Kalch recht zu brennen/ lehret Rusconi in seiner Architectur. Sonst giebet es auch in Italien an gewissen Orten Kalch-Erden/ so fürnemlichen im Wasser-Bau wol zu gebrauchen/ massen solche darinnen endlichen zu einem Steine wird. Vid. Vitruv. lib. 2. c. 5. & 6. Pallad. lib. 1. c. 5. Wie der Leimen zu machen/ der so harte als Marmor wird/ und an der Lufft und in Wasser dauret Vid. Midorgo part. 2. Probl. 41. Den Kalch aber/ um besserer Zähigkeit willen/ mit Weine anzumachen/ wie wol ehe in Wein-Ländern bey Wein-reichen Jahren geschehen ist/ ist grosse Sünde.
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pp. 114–115
CAPUT IX.
Von dem Berappen und Bewerffen/
wie auch von Tünchen
und Anstreichen der Mauern.
ES ist nicht allein genug/ daß eine Mauer inwendig mit Kalch und Sand wohl verbunden/ sondern sie muß auch auswendig darmit ausgeebnet und berappet werden/ daß das ganze Werck hernach im Wetter desto besser tauren möge. Weil aber die Mauer davon ziemlich rau bleibet/ auch kein sonderlich Ansehen gewinnet/ pfleget man noch solche/ wenn alles wohl trucken/ mit Kalch und Wasser zu überweissen und zu tünchen; die Tünche nun recht gut zu machen/ soll man den Kalch zuvor eine gute Zeit im Wasser sich erbeitzen lassen/ damit wo einige Knollen Kalch in Ofen nicht genug gebrannt waren/ sie in solcher langen Erbeitzung von der Hitze möchten getrenet und in gleicher Gestalt als der andere Kalch gebrauchet werden/ denn wenn noch kleine Steinlein in dem Kalch/ so taugt derselbe zu keiner Tünche/ und müssen die Steinlein alle heraus gesuchet werden/ soll anders die Tünche einen Bestand haben. Man pfleget auch die Leim-Wände erstlich mit Kalch und Leimen/ worunter abgeschabte Haare von Kühe- und Ochsen-Häuten kommen/ auszuebenen/ und hernach zu überdünchen. Hat man klein zerstossen und rein gesiebten Marmor-Stein/ und thut darvon unter dem Kalch/ so wird die Tünche um so viel weisser/ und klätter/ deßgleichen thut auch die Kreide; wenn nun das Tünchen 3. oder mehrmal wiederholet und trucken worden/ pfleget man die Wand zu poliren/ und mit einem alten stumpffigten Pensel abzureiben/ auch solche hernach mit Milch anzustreichen/ damit die blose Dünche sich nicht an die Kleider/ wenn man sich daran lehnet/ anegen moge. Wie sonst zu verfahren/ wenn die Mauern auf der Erden sehr nässen/ und keine Tünche daran häfften will. Vid. Vitruv. lib. 7. c. 2. 3. 4. & 6.
pp. 117–119
CAPUT XI.
Wie die Fuß-Boden und Decken
der Zimmer auf unterschiedliche
Manieren zu verfertigen.
ESkönnen die Fuß-Böden der Zimmer/ entweder von Holzwerck/ unten erstlich mit weichen/ oben drauf aber mit trockenen harten eigenen Brettern beleget/ und mit Einfassungen und allerhand Figuren von andern Holtze darein gezieret/ oder von weiß oder rothen Estrich/ so man in Frühlings- und Sommers-Zeit/ damit es wohl truckene/ muß machen und wohl schlagen/ davon Rusconi nach zusehen/ oder aber von Marmor und gebackenen Steinen verfertiget werden. Die Marmor und gebackene Steine zieren einen Boden wegen ihrer mancherley Form und Farben nicht wenig/ und pfleget man die Zimmer im Boden gar selten mit lebendig ausgehauenen Steinen/ welche in Winter nur grosse Kälte geben/ wohl aber das Haus und Eingänge unten darmit zu belegen. Sonst ist zu mercken/ daß die Zimmer/ so in einem Stockwercke in einer Reyhe sind/ nicht alleine einen gleichen Boden ohne Absatz bey den Thüren/ sondern auch einerley Façon der Belegung durchgehends haben sollen; wiewol man/ zumal wo es sehr kalt/ die Stuben gerne erst mit weichen/ hernach mit harten Holtze/ Staubs halber/ die Schlaff-Kammern aber/ wegen des Ungeziefers/ von Estrig zu machen pfleget. Was die Decken oben in den Zimmern anlanget/ kan man gleichfalls keine gewisse Regul hierinnen für schreiben/ in dem sie bald platt mit allerhand Tafelwerck/ oder mit Gips mit mancherley Eintheilungen/ Figuren und Mahlereyen/ davon die grösten Stücke in die Mitten der Decke kommen müssen/ oder auch mit Steinen recht gewölbet/ oder nur mit Holtzwerck/ so mit Rohr und Güpse auf gewölbte Art gemachet und überzogen wird/ können verfertiget werden. Sonst schicken sich die Platten-Decken/ welche die Alten von Cedern/ Cypressen/ Eben-Holtz/ Elffenbein/ metallenen/ silbern und guldenen Platten/ nach Erforderung des Wercks/ haben machen lassen/ am besten in die langen Gänge/ grosse und kleine Säle/ und andere öffentliche Oerter im Hause/ da man wegen allzuweit von einander stehender Mauren/ oder Ermangelung der rechten Höhe keine Gewölbe machen kan/ und ist fürnemlichen dahin wohl zu sehen/ daß dergleichen Decken mit genugsamen Balcken-Werck/ um die obere Last sicher zu tragen/ verwahret werden. Vid. Vitruv. lib. 7. c. 1. Pallad. lib. 1. c. 22. Scamozzi lib. 6. c. 34 juxta NV. Serly lib. 4. c. 12. Böckler tot. lib. 4. Von allerhand Arten und Figuren der Ab- und Eintheilungen/ so man so wohl in Zimmern bey den Fuß-Böden und Ober-Decken/ als auch in Lust-Gärten bey den Quartieren und Pasterres brauchen kan. Vid. Serly & Böckler.
