Siegfried – Neunhahn 1763
Johann Conrad Siegfried – Carl Ludwig Neunhahn, Abhandlung vom lebendigen Kalch, Oeconomisch-Physicalische Abhandlungen 20, Leipzig [Carl Ludwig Jacobi] 1763, pp. 729–756.
pp. 729–734
V. Herrn D. Johann Conrad Siegfrieds
Abhandlung vom lebendigen Kalch,
übersetzt und mit Anmerkungen begleitet
von
D. C. L. Neuenhahn.
Es haben einige eine Feindschaft zwischen dem Kalch und Wasser vorgegeben, sintemalen das im Kalche heimlich verborgene Feuer, das Wasser aus einem natürlichen Haß fliehe, mithin rüste sich solches wider das Wasser, und der Kalch werde dadurch erhitzt. Allein diese Meinung wird leicht widerlegt, weil eines theils warmes Wasser eine geschwindere und stärkere Hitze verursacht, theils auch weil eine Sache, die keine Empfindung hat, auch keinen Haß und Feindschaft haben kann. Einige aber meinen auch eine Freundschaft hierinn zu behaupten, weil noch ein Feuer im Kalche vom Ausbrennen zurück bleibe, welches von dem darauf gegossenen Wasser, gleichsam eine neue Materie bekomme, Feuer zu fangen. Denn obgleich viel aufgegossenes Wasser das Feuer mehr auslöscht, als anflammit, so pflegt doch das Wasser eben so als Oel oder eine andre Fettigkeit das Feuer zu unterhalten, wenn ein rechtes Verhältniß zwischen dem Feuer und Wasser ist.
Das Verbrausen aber macht eine sehr große Veränderung beym lebendigen Kalch: Denn wie solcher eine Geneigtheit zum Wasser hat, so wird das Wasser mit solchem recht vermischt, und verändert seine zarten Theile in eine zarte Salzigkeit, Durchdringlichkeit und dunstige Flüchtigkeit, welches alles er vorher nicht hatte. Denn obwohl im Brennen nichts mehr abdunstet, wenn er aber mit Wasser vermischt wird, dämpft er aus, und was von seiner salzigten oder zarten erhitzten Art im Wasser aufgelöset worden, wird allein durch Abdunstung des Wassers davon in die Luft gejagt, so daß im Grunde des Gefäßes nichts als etwas erdigres übrig bleibt, gleichwohl geht ein recht verbrauster Kalch mit Wasser in eine salzigte Mischung und Härtigkeit über, welche sich durch eine ätzende Kraft beym Schwefel und Fettigkeiten, wie auch durch den Geschmack zu erkennen giebt. Hieraus folgt nun natürlich, daß es besonders dem Wasser zukomme, daß ein recht gelöschter Kalch, vermittelst seiner Erde, indem sie ins Wasser wirkt, solches verhärte und trocken mache, und sich eines theils damit vermische, zugleich auch mit Flussande vermengt, eine Steinhärte vorstelle, auf eine salzigte Art und Beschaffenheit, ja die Härte des Mörtels bleibt wegen seiner beständigen Beymischung auch harte und feste: Denn wenn alter Mörtel durchs Glühen ihren innern wäßrigen Theil verlieren und mit denen salzigten und zarten erdigten Theilen, welche vorher von dem Wasser genau ergriffen waren, in die Luft getrieben werden, verlieret er alle Härte und wird zu Staub, wird aber durch wiederholtes Brennen lebendig, und bekommt auch vorige Eigenschaften wieder.
Der wenige empfindliche Geruch welcher an mit Kalch erbaueten Häusern, so lange er noch feuchte ist, beobachtet wird, ist ein Beweis seines flüchtigen und beständig langsam fortgehenden gährenden Dunstes. Ob aber einer solchen langsamen Gährung, und nicht vielmehr der feuchten Luft, oder beyden zugleich derjenige salpeterartige Ausschlag, der an alten Gebäuden gefunden wird, und von dem laugenhaften Wesen des Kalchs und der Luftsäure entstehet, zugeschrieben werden müsse, bin ich noch zweifelhaft.
Dieses nun vorausgesetzt, gehen wir nun besonders zum Gebrauch des Kalchs über, und zwar erst auf dessen Löschung. Es wird nämlich auf frischem Kalch viel und gnugsam Wasser gegossen, davon der Kalch so viel annimmt als er genug hat, hernach wird er geschwind und lange unter einander gekrückt, so lauft er auf, raucht und hitzt. Das Untereinanderrühren ist sehr nöthig, damit der Kalch seinen flüchtigen Salztheil durch die offenstehenden Ritzen nicht verliere, welche in der Fläche desselben als ein Rahm zusammen geht, und damit die ganze Kalchmasse nach allen seinen Theilen recht ins Brausen komme, mithin tüchtiger zum Mauren werde. Denn welcher Theil vom Wasser nicht genug getroffen wird, schickt sich auch nicht zum Bauen, so wie der von selbst in der Luft zerfallene Kalch im Wasser nicht erhitzt, ausgedehnt, zart aufgelöset noch harte wird mit Sande.
Es ist aber bey Baumeistern bekannt, daß ein sonst recht guter Kalch, und der wohl zubereitet, je älter er auch wird, desto besser gebraucht werden könne; denn die Gährung geht noch immer langsam fort, und zwar desto besser, wenn der Kalch vom Wasser noch schmierig ist, weil also diese Gährung langsam und beständig fortgeht, so werden seine wesentliche Theile recht wohl von einander gewickelt, vermischt und mit einander vereiniget. Und dieses ist die Ursach, warum der lebendige Kalch mit Sand vermischt, wenn er etliche Jahre liegen bleibt, desto besser wird, und dergleichen Mauerwerk sehr lange Zeit stehen kann.
Der bloße Sand mit recht wohl gelöschtem Kalk vermischt, zugleich auch Thon dazugethan, ist ein trefflicher dauerhafter und harter Mörtel, wenn man ihn lange liegen läßt: Denn der Sand ist ein kleiner Theil eines Steins, wie aber ein Stein immer härter als der andre ist, so auch der Sand. In dieser Absicht ist der Wassersand der beste. Vitruvius will, daß man 3 Theile Bergsand, oder 2 Theile Wassersand nehmen soll, und wenn man den dritten Theil Muschelpulver dazu thut, wird es ein trefflicher Mörtel. Heut zu Tage kommt es hier auf die Erfahrung der Maurer an, die beym Bearbeiten gleich wissen, wie viel Sand der Kalch vertragen kann. Wenn sich demnach die Salze des Kalchs, die zarten erdigten löcherichten Theile und der Sand genau mit einander verschlucken oder vereinigen, wird der Kalch im Wasser selbst hart, und verstattet dem Wasser keinen weitern Eingang. Dem Kalche ist es auch eigen, daß er allemal feuchte ist, und niemals alt wird, daher sind Mauren im Grunde fast eisern.
Wie aber ein aus harten Kalchsteinen gebrannter Kalch zum Mauren, aus weichen zum Tünchen, aus fetten zäher als aus magern, aus weichen ein leichter und aus fetten ein schwerer gebrannt wird; so muß man auch die Wahl beym Gebrauch desselben machen. Einige nehmen zum Weissen Kalch aus harten Steinen gebrannt, doch ist daran nicht viel gelegen. Die Weisse aber wird viel dauerhafter, wenn man Hausenblase in Kalchwasser auflöst, weil die Weisse länger stehen bleibt; thut man etwas Indig hinzu, wird die Farbe etwas bläulicht und blendet nicht so sehr die Augen.
Aus dem lebendigen Kalch bereitet man den Kitt, womit die Alten ihre festen Mauren aufbaueten. Man hat davon zweyerley Arten. Eine macht man aus Kalche und Schweineschmalze, zu einer kommt noch Feigensaft, zu der andern fließend Pech. Es wird erst ein Kalchklos in Wein abgelöscht hernach mit Schweineschmalze und Feigen gestoßen, oder mit solchem und Pech.
Diese des Kalches verhärtende Eigenschaft hat einige Künstler bewogen, daß sie solchen wie Gyps mit Eyweiß, Milch und Käse sehr harte gemacht, und Ritze damit zu verschmieren gebraucht haben. Man kann auch Käse mit warmem Wasser anstoßen, Kalch hinzuthun und allerley feste Farben, als aus Zinnober, Blutstein, Berggrün, Ocker, Grünspan, ja Marmor mit schönen Farben und Glanze machen. Ein gewisser Italiener machte den Alabaster aus Kieselsteinpulver mit Kalchwasser und Leimwasser nach, und verfertigte daraus allerhand Bilder, welche einen trefflichen Glanz hatten.
Weil der lebendige Kalch ein scharfes und ätzendes Wesen mit sich führt, machen sich solchen die Gerber und Kürschner zu Nutz, die Haare von Fellen loszumachen, und die Seifensieder machen aus Kalchlauge mit Talge eine Seife.
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p. 743
Anmerkung.
Der Herr D. Siegfried hat diese Abhandlung vom lebendigen Kalch unter den Vorsitz des Herrn Professor Frick, in Jena 1726. vertheidiget.
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pp. 751–752
Von der Zubereitung des Kalchs zu einem guten und dauerhaften Mörtel, habe ich nicht nöthig mehres zu bemerken, weil von dieser Materie Schriften genug vorhanden seyn, und ich habe selbst in diesen Sammlungen davon eine Anmerkung beygebracht. Bey dem allen aber, kommt es auf den Verstand des Bauherrn, und die Geschicklichkeit des Maurers, am meisten an. Denn wenn auch der beste Kalch nicht mit Vortheil zwischen die Steine gelegt, und entweder zu wenig oder zu viel gebraucht wird, kann niemals eine dauerhafte Mauer aufgeführt werden.
Betreffend den Vorschlag des Verfassers, des verschiedenen Kalchs zum Mauren und Weissen, ist wohl zu beyden derjenige Kalch am besten, welcher aus harten Steinen gebrannt wird, denn man verlangt ebenfalls vom Tünchen und Weissen, daß sie dauerhaft seyn sollen, denn ein aus nicht zu harten Steinen gebrannter Kalch, ist in seinem Zusammenhange zu kurz, mit hin läßt er leicht die Luft und Feuchtigkeit ein, und giebt die Materie zum Salzfraß. Wenn ferner unser A. eine dauerhafte Weisse mit Hausenblasenwasser vorschlägt, wäre solche zu kostbar. Näher kommt man dazu, wenn man das Sauerwasser zum Weissen gebraucht, welches bey Breitung der Stärke übrig bleibt. Sodenn empfielt unser Auctor die Weisse mit Indig anzumachen, und ziehet solche dem bekannten Lakmuß vor. Letzteres ist bisher immer üblich gewesen, und giebt eine angenehme blauliche Farbe, wenn man davon eine gute Sorte hat; Der Indig hingegen ist schon zu theuer, läßt sich auch nicht gut im Wasser auflösen, und vom teutschen Indig, nach meiner Erfahrung und Erfindung, kann ich fast ein gleiches sagen; hingegen aber giebt er nicht nur eine schönere, sondern auch weit länger bestehende Farbe, wenn man ihn unter den Kalch thut, ehe er noch harte geworden ist, und noch in der Lauge, als ein dicker Saft liegt, denn so bleibt die Farbe über ein halbes Jahr unveränderlich.
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