Winckelmann 1755

Johann Joachim Winckelmann, Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst, Friedrichstadt [Christian Heinrich Hagenmüller] 1755.


pp. 32­–40

Alles, was zum Preiß der Griechischen Wercke in der Bildhauer-Kunst kan gesaget werden, solte nach aller Wahrscheinlichkeit auch von der Mahlerey der Griechen gelten. Die Zeit aber und die Wuth der Menschen hat uns die Mittel geraubet, einen unumstößlichen Ausspruch darüber zu thun.

Man gestehet den Griechischen Mahlern Zeichnung und Ausdruck zu; und das ist alles: Perspectiv, Composition und Colorit spricht man ihnen ab. Dieses Urtheil gründet sich theils auf halb erhobene Arbeiten, theils auf die entdeckten Mahlereyen der Alten (der Griechen kan man nicht sagen) in und bey Rom, in unterirdischen Gewölbern der Palläste des Mäcenas, des Titus, Trajans und der Antoniner, von welchen nicht viel über dreyßig bis itzo ganz erhalten worden, und einige sind nur in Mosaischer Arbeit.

Turnbull hat seinem Wercke von der alten Mahlerey1 eine Sammlung der bekanntesten Stücke, von Camillo Paderni gezeichnet und von Mynde gestochen, beygefüget, welche dem prächtigen und gemißbrauchten Papier seines Buchs den einzigen Werth geben. Unter denselben sind zwey, wovon die Originale selbst in dem Cabinet des berühmten Arztes Richard Meads in London sind.

Turnbull’s Treatise on ancient Painting, 1740. fol.

Daß Poußin nach der so genannten Aldrovandinischen Hochzeit studiret; daß sich noch Zeichnungen finden, die Annibal Caraccio nach dem vorgegebenen Marcus Coriolanus gemacht; und daß man eine grosse Gleichheit unter den Köpfen in Guido Reni Wercken, und unter den Köpfen auf der bekannten Mosaischen Entführung der Europa, hat finden wollen, ist bereits von andern bemercket.

Wenn dergleichen Fresco-Gemählde ein gegründetes Urtheil von der Mahlerey der Alten geben können; so würde man den Künstlern unter ihnen aus Ueberbleibseln von dieser Art auch die Zeichnung und den Ausdruck streitig machen wollen.

Die von den Wänden des Herculanischen Theaters mit samt der Mauer versetzte Mahlereyen mit Figuren in Lebens-Grösse, geben uns, wie man versichert, einen schlechten Begriff davon. Der Theseus, als ein Ueberwinder des Minotauren, wie ihm die jungen Athenienser die Hände küssen und seine Knie umfassen: die Flora nebst den Hercules und einen Faun: der vorgegebene Gerichtsspruch des Decemvirs Appius Claudius, sind nach dem Augen-Zeugniß eines Künstlers zum Theil mittelmäßig und zum Theil fehlerhaft gezeichnet. In den mehresten Köpfen ist, wie man versichert, nicht allein kein Ausdruck, sondern in dem Appius Claudius sind auch keine guten Charactere.

Aber eben dieses beweiset, daß es Mahlereyen von der Hand sehr mittelmäßiger Meister sind; da die Wissenschaft der schönen Verhältnisse, der Umrisse der Cörper, und des Ausdrucks bey Griechischen Bildhauern, auch ihren guten Mahlern eigen gewesen seyn muß.

Diese den alten Mahlern zugestandene Theile der Kunst lassen den neueren Mahlern noch sehr viel Verdienste um dieselbe.

In der Perspectiv gehöret ihnen der Vorzug unstreitig, und er bleibt, bey aller gelehrten Vertheidigung der Alten, in Ansehung dieser Wissenschaft, auf Seiten der Neueren. Die Gesetze der Composition und Ordonnance, so starck auch Echion in derselben gewesen seyn mag, waren den Alten nur zum Theil und unvollkommen bekannt; wie die erhobenen Arbeiten von Zeiten, wo die Griechischen Künste in Rom geblühet, darthun können.

In der Colorit scheinen die Nachrichten in den Schriften der Alten und die Ueberbleibsel der alten Mahlerey auch zum Vortheil der neueren Künstler zu entscheiden.

Verschiedene Arten von Vorstellungen der Mahlerey sind gleichfalls zu einen höheren Grad der Vollkommenheit in neuern Zeiten gelanget. In Viehstücken und Landschaften haben unsere Mahler allem Ansehen nach die alten Mahler übertroffen. Die schöneren Arten von Thieren unter andern Himmel-Strichen scheinen ihnen nicht bekannt gewesen zu seyn; wenn man aus einzelnen Fällen, von dem Pferde des Marcus Aurelius, von den beyden Pferden in Monte Cavallo, ja von den vorgegebenen Lysippischen Pferden über dem Portal der S. Marcus-Kirche in Venedig, von dem Farnesischen Ochsen und den übrigen Thieren dieses Gruppo, schliessen darf.

Es ist hier im Vorbeygehen anzuführen, daß die Alten bey ihren Pferden die Diametralische Bewegung der Beine nicht beobachtet haben, wie an den Pferden in Venedig und auf alten Müntzen zu sehen ist. Einige Neuere sind ihnen hierinn aus Unwissenheit gefolget, und so gar vertheidiget worden.

Unsere Landschaften, sonderlich der Niederländischen Mahler, haben ihre Schönheit vornehmlich dem Oel-Mahlen zu dancken; ihre Farben haben dadurch mehrere Kraft, Freudigkeit und Erhabenheit erlanget, und die Natur selbst unter einem dickern und feuchtern Himmel hat zur Erweiterung der Kunst in dieser Art nicht wenig beygetragen.

Es verdienten die angezeigten und einige andere Vorzüge der neueren Mahler vor den alten, in ein grösseres Licht, durch gründlichere Beweise, als noch bisher geschehen ist, gesetzet zu werden.

Zur Erweiterung der Kunst ist noch ein grosser Schritt übrig zu thun. Der Künstler, welcher von der gemeinen Bahn abzuweichen anfängt, oder wircklich abgewichen ist, suchet diesen Schritt zu wagen; aber sein Fuß bleibet an dem jähesten Ort der Kunst stehen, und hier siehet er sich hülflos.

Die Geschichte der Heiligen, die Fabeln und Verwandlungen sind der ewige und fast einzige Vorwurf der neueren Mahler seit einigen Jahrhunderten: Man hat sie auf tausenderley Art gewandt und ausgekünstelt, daß endlich Ueberdruß und Eckel den Weisen in der Kunst und den Kenner überfallen muß.

Ein Künstler, der eine Seele hat, die dencken gelernt, läßt dieselbe müßig und ohne Beschäftigung bey einer Daphne und bey einem Apollo; bey einer Entführung der Proserpina, einer Europa und bey dergleichen. Er suchet sich als einen Dichter zu zeigen, und Figuren durch Bilder, das ist, allegorisch zu mahlen.

Die Mahlerey erstreckt sich auch auf Dinge, die nicht sinnlich sind; diese sind ihr höchstes Ziel, und die Griechen haben sich bemühet, dasselbe zu erreichen, wie die Schriften der Alten bezeugen. Aristides, ein Mahler, der die Seele schilderte, hat so gar, wie man sagt, den Character eines ganzen Volcks ausdrücken können. Er mahlete die Athenienser, wie sie gütig und zugleich grausam, leichtsinnig und zugleich hartnäckig, brav und zugleich feige waren. Scheinet die Vorstellung möglich, so ist sie es nur allein durch den Weg der Allegorie, durch Bilder, die allgemeine Begriffe bedeuten.

Der Künstler befindet sich hier wie in einer Einöde. Die Sprachen der wilden Indianer, die einen grossen Mangel an dergleichen Begriffen haben, und die kein Wort enthalten, welches Erkentlichkeit, Raum, Dauer u. s. w. bezeichnen könnte, sind nicht leerer von solchen Zeichen, als es die Mahlerey zu unseren Zeiten ist. Derjenige Mahler, der weiter dencket als seine Palette reichet, wünschet einen gelehrten Vorrath zu haben, wohin er gehen, und bedeutende und sinnlich gemachte Zeichen von Dingen, die nicht sinnlich sind, nehmen könnte. Ein vollständiges Werck in dieser Art ist noch nicht vorhanden: die bisherigen Versuche sind nicht beträchtlich genug, und reichen nicht bis an diese grosse Absichten. Der Künstler wird wissen, wie weit ihm des Ripa Iconologie, die Denck-Bilder der alten Völker von van Hooghe Genüge thun werden.

Dieses ist die Ursach, daß die grösten Mahler nur bekannte Vorwürfe gewählet. Annibal Caraccio, an statt, daß er die berühmtesten Thaten und Begebenheiten des Hauses Farnese in der Farnesischen Gallerie, als ein Allegorischer Dichter durch allgemeine Symbola und durch sinnliche Bilder hätte vorstellen können, hat hier seine ganze Stärcke blos in bekannten Fabeln gezeiget.

Die Königliche Gallerie der Schildereyen in Dreßden enthält ohne Zweifel einen Schatz von Wercken der grösten Meister, der vielleicht alle Gallerien in der Welt übertrifft, und Se. Majestät haben, als der weiseste Kenner der schönen Künste, nach einer strengen Wahl nur das Vollkommenste in seiner Art gesuchet; aber wie wenig historische Wercke findet man in diesem Königlichen Schatz! von Allegorischen, von dichterischen Gemählden noch weniger.

Der grosse Rubens ist der vorzüglichste unter grossen Mahlern, der sich auf den unbetretenen Weg dieser Mahlerey in grossen Wercken, als ein erhabener Dichter, gewaget. Die luxemburgische Gallerie, als sein größtes Werck, ist durch die Hand der geschicktesten Kupferstecher der ganzen Welt bekannt worden.

Nach ihm ist in neueren Zeiten nicht leicht ein erhabeneres Werck in dieser Art unternommen und ausgeführet worden, dergleichen die Cuppola der Kayserlichen Bibliothek in Wien ist, von Daniel Gran gemahlet, und von Sedelmayern in Kupfer gestochen. Die Vergötterung des Hercules in Versailles als eine Allusion auf den Cardinal Hercules von Fleuri, von Le Moine gemahlet, womit Franckreich als mit der größten Composition in der Welt pranget, ist gegen die gelehrte und sinnreiche Mahlerey des deutschen Mahlers eine sehr gemeine und kurzsichtige Allegorie: sie ist wie ein Lob-Gedicht, worinn die stärcksten Gedancken sich auf den Nahmen im Calender beziehen. Hier war der Ort, etwas Grosses zu machen, und man muß sich wundern, daß es nicht geschehen ist. Man siehet aber auch zugleich ein, hätte auch die Vergötterung eines Ministers den vornehmsten Plafond des Königlichen Schlosses zieren sollen, woran es dem Mahler gefehlet.

Der Künstler hat ein Werck vonnöthen, welches aus der ganzen Mythologie, aus den besten Dichtern alter und neuerer Zeiten, aus der geheimen Weltweißheit vieler Völker, aus den Denckmahlern des Alterthums auf Steinen, Münzen und Geräthen diejenige sinnliche Figuren und Bilder enthält, wodurch allgemeine Begriffe dichterisch gebildet worden. Dieser reiche Stoff würde in gewisse bequeme Classen zu bringen, und durch eine besondere Anwendung und Deutung auf mögliche einzelne Fälle, zum Unterricht der Künstler, einzurichten seyn.

Hierdurch würde zu gleicher Zeit ein grosses Feld geöfnet, zur Nachahmung der Alten, und unseren Wercken einen erhabenen Geschmack des Alterthums zu geben.

Der gute Geschmack in unseren heutigen Verzierungen, welcher seit der Zeit, da Vitruv bittere Klagen über das Verderbniß desselben führete, sich in neueren Zeiten noch mehr verderbet hat, theils durch die von Morto, einem Mahler von Feltro gebürtig, in Schwang gebrachte Grottesken, theils durch nichts bedeutende Mahlereyen unserer Zimmer, könnte zugleich durch ein gründlicheres Studium der Allegorie gereiniget werden und Wahrheit und Verstand erhalten.

Unsere Schnirckel und das allerliebste Muschelwerck, ohne welches itzo keine Zierrath förmlich werden kan, hat manchmahl nicht mehr Natur, als Vitruvs Leuchter, welche kleine Schlösser und Palläste trugen. Die Allegorie könnte eine Gelehrsamkeit an die Hand geben, auch die kleinsten Verzierungen dem Ort, wo sie stehen, gemäß zu machen.

Reddere personæ scit convenientia cuique. HOR.

Die Gemählde an Decken und über den Thüren stehen, mehrentheils nur da, um ihren Ort zu füllen, und um die ledigen Plätze zu decken, welche nicht mit lauter Vergöldungen können angefüllet werden. Sie haben nicht allein kein Verhältniß mit dem Stand und mit den Umständen des Besitzers, sondern sie sind demselben so gar oftmahls nachtheilig.

Der Abscheu vor den leeren Raum füllet also die Wände; und Gemählde von Gedancken leer, sollen das Leere ersetzen.

Dieses ist die Ursach, daß der Künstler, dem man seiner Willkühr überläßt, aus Mangel allegorischer Bilder oft Vorwürfe wählet, die mehr zur Satire, als zur Ehre desjenigen, dem er seine Kunst weihet, gereichen müssen: und vielleicht, um sich hiervor in Sicherheit zu stellen, verlanget man aus feiner Vorsicht von dem Mahler, Bilder zu machen, die nichts bedeuten sollen.

Es macht oft Mühe, auch dergleichen zu finden, und endlich

– – velut ægri somnia, vanæ
Fingentur species. HOR.

Man benimmt also der Mahlerey dasjenige, worinn ihr größtes Glück bestehet, nehmlich die Vorstellung unsichtbarer, vergangener und zukünftiger Dinge.

Diejenigen Mahlereyen aber, welche an diesem oder jenem Ort bedeutend werden könnten, verlieren das, was sie thun würden, durch einen gleichgültigen oder unbequemen Platz, den man ihnen anweiset.

Der Bauherr eines neuen Gebäudes

Dives agris, dives positis in fœnere nummis. HOR.

wird vielleicht über die hohen Thüren seiner Zimmer und Säle kleine Bilder setzen lassen, die wider den Augen-Punct und wider die Gründe der Perspectiv anstoßen. Die Rede ist hier von solchen Stücken, die ein Theil der festen und unbeweglichen Zierathen sind; nicht von solchen, die in einer Sammlung nach der Symmetrie geordnet werden.

Die Wahl in Verzierungen der Bau-Kunst ist zuweilen nicht gründlicher; Armaturen und Tropheen werden allemahl auf ein Jagd-Haus eben so unbequem stehen, als Ganymedes und der Adler, Jupiter und Leda unter der erhobenen Arbeit der Thüren von Erz, am Eingang der S. Peters-Kirche in Rom.

Alle Künste haben einen gedoppelten Endzweck: sie sollen vergnügen und zugleich unterrichten, und viele von den grösten Landschaft-Mahlern haben daher geglaubet, sie würden ihrer Kunst nur zur Hälfte ein Genüge gethan haben, wenn sie ihre Landschaften ohne alle Figuren gelassen hätten.

Der Pinsel, den der Künstler führet, soll im Verstand getunckt seyn, wie jemand von dem Schreibe-Griffel des Aristoteles gesaget hat: Er soll mehr zu dencken hinterlassen, als was er dem Auge gezeiget, und dieses wird der Künstler erhalten, wenn er seine Gedancken in Allegorien nicht zu verstecken, sondern einzukleiden gelernet hat. Hat er einen Vorwurf, den er selbst gewählet, oder der ihm gegeben worden, welcher dichterisch gemacht, oder zu machen ist, so wird ihn seine Kunst begeistern, und wird das Feuer, welches Prometheus den Göttern raubete, in ihm erwecken. Der Kenner wird zu dencken haben, und der bloße Liebhaber wird es lernen.