Reuß 1802/II.2

Franz Ambros Reuß, Lehrbuch der Mineralogie nach des Herrn D. B. R. Karsten mineralogischen Tabellen II/2, Leipzig [Friedrich Gotthold Jacobäer] 1802.


pp. 157–160

85ste Gattung.
Grünerde *).

Lat. Argilla Veronensis. Franz. Terre verte. Ital. Terra verde, Verde di Brentonico. Engl. Green earth. Schw. Grönjord.

*) Delafouille im Journal de physique 1774. Novembre p. 349.
Arduini raccolta di memorie chimico-mineralogiche. Venez. 1778 p. 83–85.
Rinmann Versuch einer Geschichte des Eisens. Berlin 1785. 8. 2r B. S. 149.
Mayer in den Abhandl. der böhm. Gesellsch. der Wiss. 3r B. S. 262–265.
Hoffmann im bergm. Journal 1788. 2r B. S. 519. 1789. 1r. S. 376.
Reuß das Seidschitzer Bitterwasser S. 54. – Mineralogische Geographie 2r B. S. 163. 173. 174. 175. 229. 230. 231. 234. 340. – in Mayers Samml. physikal. Aufsätze 1r B. S. 90. 145. 146. 147. 150.
Oryktognosie S. 121.
Wiegleb in v. Crells chem. Annalen 1794. 1r B. S. 22-27.
Oryktographie von Rußland im m. bergm. Journale 1r. S. 187.
Delametherie Theorie de la terre T. I. p. 456.
Karsten mineralogische Tabellen S. 30.

Aeußere Kennzeichen.

Sie hat eine seladongrüne Farbe, die von einer Seite in die schwärzlichgrüne, von der andern in die berggrüne übergeht, selten ist sie von einer Mittelfarbe zwischen berg- und olivengrün.

Man findet sie derb, eingesprengt, in eingewachsenen kuglichen und mandelförmigen Stücken, und als Ueberzug auf den Achat- und Chalcedonkugeln.

Inwendig ist sie matt, im Bruche feinerdig, bisweilen auch flachmuschlich.

Die Bruchstücke sind unbestimmtedig, stumpfkantig.

Sie ist undurchsichtig,
wird durch den Strich glänzend,
ist sehr weich,
etwas milde,
leicht zerspringbar,
fühlt sich ein wenig fett an,
hängt ein wenig an der Zunge und ist
nicht sonderlich schwer.

Specisches Gewicht.

Nach Kirwan 2,637.

Physische Kennzeichen.

Sie verändert, wenn sie einigemal durchglüht worden, die Richtung der Magnetnadel, roh aber nur dann, wenn sie auf Quecksilber oder Wasser gelegt wird.

Chemische Kennzeichen.

Rothgeglühet zerknistert sie und wird dunkelröthlichbraun; bei 147° schmelzt sie zu einem schwarzen dichten Glase. In der Hitze des Porcellanofens fließt die Grünerde von Cypern im Kohlentiegel zu einer unförmlichen Kugel, die äußerlich schmutzig grün ist, im Bruche ein etwas poröses Gemenge von einem smaragdgrünen Glase und einer weißlichgrünen Schlacke darstellt, hier und da theils mit weißen Metallblättchen, theils mit metallischem Kupfer durchzogen ist; in einer Höhlung fand sich Buntkupfererz in kleinen Körnchen. Der Gewichtverlust beträgt 0,17. Im Thontiegel giebt sie eine dichtgeflossene Schlacke, davon der obere Theil im Bruche braun und glänzend, der untere grünlichgrau und schimmernd ist, obenauf grauweiße, fast metallischglänzende, zart federartige Zeichnungen auf braunem Grunde hat. Vor dem Lothrohre schmelzt sie für sich etwas strenge und giebt eine schwarze glasige Schlacke mit bräunlichschwarzen halbdurchsichtigen Kanten. Der Borax verwandelt sie in ein braunes durchsichtiges Glas mit schwarzen Flecken. Sie wird von keiner Säure angegriffen und löset sich nicht darin auf. Im Wasser zerkrümelt sie, wenn dieses länger darüber gestanden.

Bestandtheile.

Nach Mayers Analyse enthält die Grünerde von Wissotschan bei Prag Thon, Kiesel, Eisen- und Magnesiumoxyd. Dieser Analyse widerspricht die Analyse Wieglebs, der in derselben Grünerde:

Kiesel40.
Kalk23,6.
Eisenoxyd31.
Wasser4,4.

fand, zu sehr, und ist wegen des Mangels alles Thongehaltes zu unwahrscheinlich, als daß sie keine Wiederholung bedürfte.

Fundort.

Böhmen (Caaden, Postelberg und Wewerzan im Saatzer, Zebrak im Berauner, am Jeschken, Kozakowe [!], bei Semile im Bunzlauer Kreise, Wissotschan bei Prag); Niederderungarn; Siebenbürgen; Tyrol; Pfalz (Oberstein); Baaden (Baumholder); Sachsen (Altenburg, Planitz bei Zwickau); Schlesien (Finkenhügel bei Landeck); Italien (Monte baldo unw. Brentonico im Veronesischen); Normandie (Pontaudemer); die Färoer Inseln; Sibirien (Nertschinsk).

Die Grünerde kommt vorzüglich in den Mandelsteinen vor, wo sie die Blasenräume desselben theils nur überkleidet, theils ganz ausfüllt, oder den Chalcedon- und Achatnieren zum Ueberzuge dient. Dies ist der Fall in den Mandelsteingebirgen von Jeschken, Kozakowe, bei Semile in Böhmen, in Niederungarn bei Kovacsi, in Siebenbürgen bei Kretschunescht und Thoroczko, in Island, Färoe, in Tyrol zu Fassa, in Sachsen zu Planitz bei Zwickau, bei Postelberg und Wewerzan liegt sie in einem sehr sandigen Kalksteine in sehr und ganz kleinen Nierchen eingewachsen inne. Merkwürdig ist ihr Vorkommen bei Caaden, wo sie als Lager unter dem Basalte in einem Wackentone erscheint. Bei Milleschau kommt sie nesterweise im Basalttuse vor.

Gebrauch.

Man bedient sich derselben in der Malerei als Wasserfarbe, da sie luftbeständig ist, zum Anstreichen der Häuser.

Benennung.

Den Namen hat sie von ihrer grünen Farbe erhalten.


pp. 161–163

86ste Gattung.
Gelberde *).

Lat. Argilla ochra. Franz. Terre jaune. Ital. Terra gialla. Engl. Yellow earth. Schwed. Guljord.

*) Sage in Memoires de l’acad. des sciences de Paris 1779. p. 313.
Hoffmann im bergmänn. Journal 1788. 2r B. S. 521. 522. 1789. 1r. S. 376.
Reuß Orographie des Nordwestl. Mittelgebirges S. 76. — Mineralog. Geographie von Böhmen 1r B. S. 40. 353. 355. 2r B. S. 147.
Oryktognosie S. 121.
Flurl Beschreibung der Gebirge von Baiern S. 528. 552. 572.
Schroll Sa’ib. Oryktographie in v. Moll’s Jahrbüchern 1r. S. 119.
Delametherie Theorie de la terre T. I. p. 156.
Karsten mineralogische Tabellen S. 30.

Aeußere Kennzeichen.

Sie hat eine dunkler oder lichter ochergelbe Farbe.

Man findet sie derb.

Sie ist inwendig auf dem Längebruch schwachschimmernd; im Querbruch matt.

Im Hauptbruche ist sie mehr und weniger vollkommen schiefrig, im Querbruch feinerdig.

Die Bruchstücke sind theils unbestimmtedig, stumpfkantig, theils scheibenförmig.

Sie ist sehr weich, in das zerreibliche übergehend, milde,
sehr leicht zerspringbar.

Sie wird durch den Strich glänzend,
färbt stark ab und schreibt,
hängt stark an der Zunge,
fühlt sich etwas fett an und ist leicht.

Chemische Kennzeichen.

Im Feuer geglüht wird sie roth, ohne die Magnetnadel zu beunruhigen, und unterscheidet sich dadurch von dem ocherigen Brauneisensteine, welcher gebrannt dunkelbraun und später schwarz wird, und dann die Richtung der Magnetnadel, wenn sie ihm nahe genug gebracht wird, verändert. Bei 156° schmelzt sie zu einer leberbraunen, lockern Porcellanmasse. Auf Saussure’s Apparate giebt sie bei 315° ein völlig schwarzes glänzendes Email, das den Sappare überzieht, endlich blaßgrün und halbdurchsichtig wird.

Bestandtheile.

Nach Sage’s Analyse:

Thon50
Eisenoxyd40
Wasser10

Fundort.

Böhmen (Joachimsthal, Luschitz, Kotosoruk); Steyermark; Oberlausitz (Wehrau); Oberpfalz (Umberg, Auerbach und Mueß); Salzburg (am Zweig im Fuschthale, im Wolfbachthale, im Unterpinzgau, am Brennthal bei Mühlbach).

Gewöhnlich kommt sie in Flözgebirgen und zwar in schmalen Flözen vor. Ihr Vorkommen in dem böhmischen Mittelgebirge ist merkwürdig, da sie daselbst in der Gegend von Luschitz in einer gelblichgrauen, dem ochergelben sich nähernden Wacke in Kugeln inne liegt, bei Kotoforuk den Kern großer Basaltkugeln ausmacht, in beiden Fällen aber centrisch dickschaalig abgesonderte Stücke zeigt.

Gebrauch.

Sie wird als gelbe Farbe zum Anstreichen der Häuser gebraucht.

Benennung.

Den Namen entlehnt sie von ihrer Farbe.