Funke 1795/III

C[arl] Ph[ilipp] Funke, Naturgeschichte und Technologie für Lehrer in Schulen und für Liebhaber dieser Wissenschaften. Zur allgemeinen Schulencyclopädie gehörig. Zweite, verbesserte Auflage III, Braunschweig [Schulbuchhandlung] 1795.


pp. 226–229

Der Vitriol, Vitriolum.

Wenn sich Vitriolsäure mit metallischen Grundtheilen verbindet, so entstehen metallische Salze oder Vitriole *). Man hat jetzt zum Gebrauch im gemeinen Leben hauptsächlich drei verschiedne Arten derselben, den Eisen-, Kupfer- und Zinkvitriol; außerdem gibt es auch noch gemischte Vitriole, welche aus zwei oder mehrern jener Haupt-arten zusammengesetzt sind, und in der Chemie kennt man noch den Silber-Quecksilbervitriol &c. Wir schränken uns hier nur auf die drei erstern ein. Die Vitriole kommen zwar auch zuweilen von der Natur gebildet in wolliger, haarförmiger und staubartiger Gestalt vor; aber am häufigsten werden sie doch aus gewissen Mineralien gewonnen, in welchen sie noch nicht ganz ausgebildet vorhanden sind.

*) Sie sollen diesen Namen von ihrer Aehnlichkeit mit dem Glase (vitrum) erhalten haben. S. Beckmanns Beiträge zur Gesch. der Erf. des zweit. Bandes erstes St. S. 105, wo auch bewiesen wird, daß die Alten unsern Alaun noch nicht gekannt haben, aber wohl die Vitriole, und daß diese von ihnen mit der Benennung Alaun bezeichnet worden sind.

Der Eisenvitriol (grüne Vitriol, das grüne Kupferwasser) ist ein schönes grünes Salz, welches jedoch an freier Luft zerfällt, und gelb oder braun wird. Seine durchsichtigen Krystallen bestehen in schiefwinklichen vierseitigen Säulen. Er hat einen säuerlich zusammenziehenden, etwas kaustischen Geschmack. Ueber dem Feuer zergeht er in seinem Krystallisationswasser, nach dessen Verdampfung er in ein weißgraues Pulver zerfällt, welches bei fortgesetztem Brennen gelb und endlich roth wird. Man kann ihn aus jeder Auflösung des Eisens in Vitriolsäure durch Abrauchen und Abkühlen erhalten; im Großen gewinnt man ihn aber aus Schwefelkiesen (s. die Anmerk. unter dem vorherg. Art.), aus kiesigem Schiefer, der zuweilen auf Vitriol, zuweilen auf Alaun vortheilhafter benutzt werden kann, aus vitriolischen Erden und aus dem Atramentstein. Dieser Stein, welcher den Eisenvitriol mit etwas Kupfer und Zink schon ausgebildet enthält, findet sich unter andern in dem Rammelsberge bei Goslar. Er ist von rother, gelber, grauer, weißer oder schwarzer Farbe, schmeckt wie Tinte – daher die Benennung Atrament- oder Tintenstein – und löset sich fast ganz in Wasser auf. Eine Art dieses Steins, welche von Farbe und Gewebe dem Hammerschlag sehr ähnlich ist, hat zugleich eine stark ätzende Kraft. In der Türkei wird er zum Wegbeizen der Haare an verschiedenen Theilen des Leibes benutzt. Man zerstößt ihn zu dem Ende zu einem feinen Pulver, mischt zur Hälfte ungelöschten Kalk darunter, und macht es mit Wasser zu einem Teige, den man erhärten läßt. Diese Mischung wird Rusma genannt. Bei dem Gebrauch bestreicht man den Theil damit, welchen man glatt haben will, und wäscht ihn nach etlichen Minuten mit heißem Wasser ab. Die Türken beiderlei Geschlechts bedienen sich dieses Mittels sehr häufig, und der Sultan soll von dem Verkauf desselben jährlich über dreißigtausend Dukaten an Gefällen erheben. — Unsre Barbierer brauchen in gleicher Absicht Operment mit ungelöschtem Kalk.

Der Kupfervitriol (blaue Vitriol, das blaue Kupferwasser) von hochblauer Farbe und widrigem, zusammenziehenden säuerlichen Geschmack. Im Feuer zerfließen die Krystallen zwar, verwandeln sich aber nicht in Pulver, sondern in eine feste Masse. Natürlich gebildet trifft man ihn mehr in Wassern aufgelöst, als in fester Gestalt an. Dergleichen Wasser, welches aufgelösten Kupfervitriol enthält, heißt Cementwasser. Von der Benutzung desselben s. den Art. Cementkupfer. Man kann den Kupfervitriol auf ähnliche Art, wie den Eisenvitriol, durch Auflösung des Kupfers in Vitriolsäure, gewinnen. Allein gewöhnlich bereitet man ihn aus Kupferkiesen und Kupferrohsteinen, wovon in der Technologie.

Der Zinkvitriol (weißer Vitriol, Gallitzenstein), welcher aus Vitriolsäure und Zink besteht, bildet weiße vierseitige säulenförmige Krystallen mit vierseitigen Endspitzen. Von Natur findet er sich zuweilen in staubiger Gestalt auf Zink-erzen, oder in haarförmigen Krystallen, oder in länglichen Stücken, die wie Eiszapfen von der Decke der Gruben herabhängen. In dieser letztern Form heißt er Jökel (oder Gökel, Berggökel), und man benutzte ihn ehemals ohne weitere Zubereitung; da er aber nicht ganz rein ist, so wird er jetzt mit zu den gewöhnlichen Zink-erzen, woraus man den weißen Vitriol scheidet, genommen.

Die meisten Vitriole sind gemischt, und wenn man eine gemeine Art ganz rein haben will, so muß man sie noch besonders bearbeiten und reinigen, z. B. um den Eisenvitriol vom Kupfer zu befreien, legt man in die Auflösung desselben Eisen, woran sich das Kupfer ansetzt.

Die Vitriole dienen zur Bereitung des Vitriolspiritus, der schwarzen Tinte, in Färbereien, und zwar der grüne zur schwarzen Farbe, der blaue und weiße mehr zur Befestigung andrer Farben. Auch kommen sie zu verschiednen Malerfarben und zu farbigen Gläsern und künstlichen Edelsteinen. In der Chemie und Arzneikunst haben sie noch außerdem einen mannigfaltigen Nutzen; doch werden sie mehr äußerlich wegen ihrer zusammenziehenden und ätzenden Kraft als innerlich gebraucht.


pp. 446–448

Vitriolsiederei.

Aus der Verbindung der Vitriolsäure mit metallischen Grundtheilen erzeugen sich diejenigen Mittelsalze, welche man Vitriole nennt, und wovon insbesondre drei Arten zu bemerken sind: Eisen-, Kupfer- und Zinkvitriol. Wollte man den Vitriol aus diesen Metallen selbst erhalten, so müßte man dieselben erst in Vitriolsäure auflösen und dann krystallisiren lassen; dies Verfahren würde aber mühsam und kostbar seyn. Man gewinnt ihn daher lieber aus solchen metallischen Erden und Steinen oder Erzen, worin die Vitriolsäure verbunden mit einem von jenen Metallen angetroffen wird. Die vornehmsten dieser Erze sind Schwefelkies, Kupferrauch und Zink-erz (s. d. N. G.).

Aus denselben zieht man den Vitriol durch Auslaugen, d. i. man gießt Wasser darauf, in welchem sich die Salztheile auflösen. Nachher läßt man das Wasser in Pfannen über dem Feuer wieder abdunsten und so das Salz anschießen (krystallisiren). Dies sind die Arbeiten in den Vitriolhütten im Allgemeinen: allein jede Erz-art erfordert noch eine besondre Behandlung und Vorbereitung, denn einige dürfen nur ausgelaugt werden; andre müssen an freier Luft – oft Jahre lang – liegen und verwittern; noch andre lassen auch durchs Verwittern nicht alles Brennbare fahren, und müssen daher geröstet werden.

Der grüne Vitriol, welcher der gebräuchlichste ist, wird vornehmlich aus Schwefelkiesen gewonnen, aus welchen man zuvor den Schwefel gezogen hat. Man stürzt sie zu dem Ende auf Halden, d. i. man wirft sie in freier Luft auf Haufen zusammen, besprengt sie mit Wasser und läßt sie liegen, bis sie beschlagen und verwittern. Wenn nun das Salz in Gestalt der Federn oder Krystalle an diesen Erzen ausschlägt, so sind sie zum Auslaugen reif.

Hierauf thut man diese verwitterten Erze in große Fässer, gießt heißes Wasser darauf, und läßt sie so unter öfterm Umrühren etliche dreißig bis vierzig Stunden stehen. In der Zeit hat das Wasser die Salztheile hinlänglich ausgezogen, und man gießt daher diese Lauge nun in andre Fässer, läßt sie darin etwas abklären und bringt sie dann in bleierne Pfannen, wo sie gesotten wird. Wenn sie etliche Zoll eingekocht ist, gießt man wieder frische Lauge zu, bis man aus einer Probe, die man zum Krystallisiren hinstellt, sieht, daß die Lauge über die Hälfte zu Salz anschießt. Sodann schüttet man sie in die Kühlpfanne, wo sie allmählig abkühlt, und aus dieser in die sogenannten Setzfässer, worin kleine Stäbchen befestigt sind, an welche sich der Vitriol anlegt. Die übrige Lauge zapft man wieder ab und versiedet sie aufs neue.

Zu Cremnitz in Ungarn wird der Vitriol durch bloßes Auslaugen gewonnen, ohne vorhergegangene Verwitterung und Röstung.

Auf ähnliche Art verfährt man mit dem Kupfer-rohstein, aus welchem der blaue oder cyprische Vitriol gezogen wird, und mit dem Zink-erz, welches den weißen oder Zinkvitriol gibt. Von dem letztern erhält man am Harz bei Goslar jährlich an tausend Zentner. Eine große Menge davon wird nach Indien geführt.

Wenn man den Vitriol in einem Tiegel der Hitze aussetzt, so fängt er an zu zerfließen, zu sieden und aufzuwallen, wobei er in seinem Krystallisationswasser zergeht. Destillirt man ihn nun, und fängt das säuerliche aufsteigende Wasser auf, so erhält man gemeine Vitriolsäure oder Vitriolspiritus. Vollkommen reine Vitriolsäure hat weder Farbe noch Geruch, und sieht wie Wasser aus. Calcinirt man aber den Vitriol zu einem rothbraunen Pulver, und unterwirft ihn dann der Destillation, so gibt er eine concentrirte Vitriolsäure oder das uneigentlich sogenannte Vitriolöhl. Dieses ist ungemein ätzend und stark, und sieht zwar eigentlich weiß aus, wird aber durch Berührung aller brennbaren Dinge braun; an der Luft stößt es weißgraue Dämpfe aus. Man bereitet es in Nordhausen vorzüglich gut und im Großen. Durch gelindes Abdampfen im Sandbade kann man es noch stärker machen, so wie hingegen durch Verdünnung des weißen Vitriol-öhls mit zwei bis drei Theilen Wasser ein gewöhnlicher Vitriolgeist oder Vitriolspiritus verfertigt werden kann. Die Vermischung des Vitriol-öhls mit Wasser bringt eine heftige Hitze und ein mit Dämpfen begleitetes Zischen hervor. Man gießt nicht das Wasser ins Vitriol-öhl, sondern tröpfelt dieses behutsam ins Wasser. Von dem aus Schwefel bereiteten sogenannten englischen Vitriol-öhl, welches wohlfeiler, aber auch schwächer und unreiner ist, als das nordhäuser, s. Schwefel. Vitriol-öhl mit Weingeist zur Hälfte vermischt, gibt vermittelst der Destillation den Vitriol-äther (Vitriolnaphta).

Bei der Destillation der Vitriolsäure aus dem Eisenvitriol bleibt ein gelbes oder rothes Pulver zurück, welches Calcothar heißt, woraus eine schöne rothe Farbe bereitet wird. Man nimmt auch dazu das Ueberbleibsel der Abscheidung des Scheidewassers durch Vitriol, oder blos den Todtenkopf des Vitriols, wie in England geschieht, wo man das englische Braunroth daraus verfertigt. Das Pulver wird mit Wasser fein gemahlen, dann mehrmals mit Wasser ausgelaugt, bis es keinen salzigen Geschmack mehr hat, hierauf getrocknet getrocknet und zuletzt wieder mit einer steinernen Walze oder mit eisernen Kugeln zu Staub gerieben. Der Calcothar liefert, so behandelt, das preußische Braunroth.