Funke – Lippold 1825/III

[Carl] P[hilipp] Funke – G[eorg] H[einrich] C[hristian] Lippold, Ph. Funke’s und G. H. C. Lippold’s neuestes Natur- und Kunstlexicon, enthaltend: die meisten, insbesondere aber die gemeinnützigsten Gegenstände aus der Naturgeschichte, Naturlehre, Chemie, Technologie und Oeconomie. Zum bequemen Gebrauch für Jedermann nach den bisher gemachten Entdeckungen, Erfahrungen, Erfindungen und Beobachtungen aus dem Gebiethe der oben erwähnten Wissenschaften, von einem Vereine mehrerer Gelehrten neu bearbeitet, vermehrt und verbessert III, Wien [Hirschled’sche Verlage] 1825.


pp. 213–214

Fresco-Mahlerey (al fresco). Fresco-Mahlerey, auch Kalk-Mahlerey, heißt diejenige Art von Mahlerey, die mit Wasserfarben auf einer noch frischen Unterlage von Kalk, mit Sand vermischt, ausgeführt wird. Von dieser frischen Unterlage kommt auch der Italienische Nahme, der offenbar aus der Deutschen Sprache entlehnt ist (das Französische fresque, von Alters fraisque, von frais, ist nach dem Italienischen gebildet). Der Mahler läßt jeden Tag nur so viel Mauer mit jenem Teige bewerfen, als er an demselben zu übermahlen fähig ist. Da er schnell zu Werke gehen muß, weil sonst der Grund wieder trocken werden würde, so bedient er sich hierbey der Cartons (s. Cartons) für die Umrisse der Figuren, und bey der Ausmahlung, wenn nicht schon die Cartons die Farben angeben, eines kleinen Gemähldes, auf welchem die Farbentöne angegeben sind. Wenigstens verfahren die neuern Mahler so. Die Fresco-Mahlerey ist übrigens eine der ältesten und dauerhaftesten, was die antiken Mahlereyen, die auf uns gekommen sind, hinlänglich beweisen. Wie würdig sie des wahrhaft großen Künstlers sey, zeigt das Beyspiel von Michel Angelo und Rafael. Als die Sixtinische Capelle gemahlt werden sollte, rieth der Bruder Sebastiano, sie in Oehl mahlen zu lassen, und die Mauer wurde wirklich dazu bereitet.

Michel Angelo aber sagte: »Nichts da; die Oehlmahlerey taugt nur für Weiber und geistlose, auf Handwerk stolze Männer wie Bruder Sebastiano1 In der That, da das kleine Detail der Verschmelzung der Tinten und alles, was sonst das Auge bestechen kann, hier wegfällt, so ist der Künstler genöthiget, in Formen, Charakteren und Ausdruck sich groß zu zeigen. Wie schwer es sey, sich in der Fresco-Mahlerey auszuzeichnen, sieht man aus Vasari’s Aussage:

»Viele unserer Mahler zeichnen sich in Oehl- und Wassergemählden aus, denen aber kein Fresco-Gemählde gelingt, weil dieß von allen die meiste Kraft, Sicherheit und Entschlossenheit erfordert, indem eine Aenderung nicht leicht möglich ist.«


Notes
  1. Cf. Vita di Sebastian Viniziano frate del Piombo, e pittore, in: Giorgio Vasari, Le Vite de’ Piu Eccelenti Pittori, Scultori ed Architettori III/1, Fiorenza [I Giunti] 1568, p. 347. ↩︎