Krünitz – Floerke 1806/CI

Johann Georg Krünitz – Heinrich Gustav Floerke, Johann Georg Krünitz’s ökonomisch-technologische Encyklopädie oder allgemeies System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, und der Kunst-Geschichte, in alphabetischer Ordnung CI (Nahmendrer–Nebennote), Berlin [Joachim Pauli] 1806.


pp. 707–713

Neapelgelb, Neapolitanisches Gelb, Neapler Gelb

Neapelgelb, Neapolitanisches Gelb, Neapler Gelb*), Franz. Jaune de naples, Engl. naples yellow, Ital. Giallolino, ist ein Farbenkörper von einer poreusen Substanz, schwer, gekörnt, erdartig, leicht zerreiblich, welche sich weder entfärbt, noch blättert, wenn sie der Luft ausgesetzt wird, an der Zunge etwas hangen bleibt, und von einer blaßorangengelben Farbe ist. Zu einem Pulver verwandelt, das unberührt gelassen wird, bleibt es lange Zeit im Wasser schwebend, und setzt sich alsdann zu einem Teige zu Boden; im Wasser gekocht, erhält die Flüssigkeit einen salzigen Geschmack. Durch eine vermischte Salpeter- und Kochsalzsäure (acide nitro muriatique) aufgelöset, erfolget keine Aufbrausung, und zeiget keine gewaltsame schwefelichte Bewegung, wenn sie dem Feuer ausgesetzt wird; sie ist schwer zu schmelzen, und solches geschieht mit keiner gewaltsamen Bewegung, die Farbe aber neiget sich in das röthliche. Wenn die Schmelzung mit weißem Milchglas, mit inflammablen Substanzen verbunden, geschieht, so erhält man einen Regulus, der einer Mischung des Bleyes mit Antimonium ähnlich ist.

*) Im Artikel Gelb, Th. 16, S. 727. wird dieser Farbenkörper schon angeführt, allein zu kurz, als daß die folgengenden Bemerkungen hier nicht willkommen seyn sollten. Die jetzt bekannten Nachrichten über dieses Materiale verdankt man Beckmann, in seiner Waarenkunde, I. S. 181. Dieser Aufsatz ist übersetzt in den Annales des Arts et Manufactures, ou Mémoires technologiques par R. O’ reilly II B. S. 113, aber ohne die Quelle zu nennen. Daraus ist er wieder ins Deutsche übersetzt in Hildt’s Zeitung für Kaufleute etc. 1800. S. 413. und 1801. S. 4–7.

Dieser Artikel kommt vorzüglich von Neapel, und gemeiniglich unter der Form einer erdigen Rinde 3–4 Linien stark, und manchmahl in der Gestalt der Vase, in welcher sie sich verhärtet hat, öfters auch als ein Pulver. Man weiß nicht, seit welcher Zeit diese Farbe ein Gegenstand des Handels gewesen. Pommets ist der erste Droguist, der des Neapelgelbs gedenket und bemerket, daß es außerordentlich selten sey. Kunkel, der mit der größten Sorgfalt alle die Substanzen nennt, welche geschickt sind, Gläser damit zu härten, und irdenen Geschirren damit eine Glasur zu geben, erwähnt ihrer nicht im geringsten. Wenn der Nahme dieses Products etwas zur Beweisung seines Alters beytragen sollte, so wäre es, daß gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts in Italien solches schon bekannt gewesen, und Ferranto imperato [sic!] gedenket zweyer Arten des Giallolino, wovon eines das Product eines Bleykalkes und wahrscheinlich das Oxygene ist, welches wir Massicot nennen, und das andere das Neapelgelb, ob er gleich die Mittel zu ihrer Bereitung nicht angegeben hat. In der That scheint kein Schriftsteller eine gewisse Kenntniß von den Eigenthümlichkeiten dieser Farbe zu besitzen; verschiedene haben sie für vulkanische Producte des Vesuvs und Aetnas, andere für einen natürlichen Oker gehalten. Quittard betrachtet sie als eine Boluserde und Pott, der sich am wenigsten von der Wahrheit entfernet, behauptet, daß sie von einer künstlichen Bereitung sey. Fougeroux hat wenigstens das Verdienst, Potten beygetreten zu seyn, und die Möglichkeit ihrer Verfertigung gezeigt zu haben. Nach demselben verfertigt man das Neapelgelb, wenn man 2 Theile Bleyweiß, 1 Theil Alaun, 1 Theil Ammoniaksalz, und 3 Theile Antimonium diaphoreticum 7–8 Stunden anfänglich auf einem schwachen und zuletzt auf einem starken Feuer schmelzen läßt. Von Fougeroux, welcher wahrscheinlich auf seinen Reisen in Italien Kenntnisse von dieser Verfahrungsart erhalten hatte, machte Giam Batista Passeri eine genauere Beschreibung in seinem interessanten Werke über die Fayencemahlerey bekannt. Die Mischung, woraus sie besteht, ist ½ Pfund Antimonium, 1 ½ Pfund Bley, 1 Unze Alaun, welchen er allume di feccia nennt, und die nähmliche Quantität gemeines Salz. Es ist zu vermuthen, daß diese Vorschrift Fougeroux auch nicht unbekannt gewesen, der dies Wort für gemeinen Alaun genommen. Verschiedene Umstände, und insbesondere die verschiedenen Arten, diese Farbe nach Passeri zu bereiten, geben Anlaß zu glauben, daß der Alaun von feccia tartarisirte Potasche (sel de tartre) war, da er sich oft des Wortes feccia allein bedient, welches tartaros bedeutet. Hier ist die Verfahrungsart.

1) 6 Pfund Bley, 4 Pfund Antimonium, 1 Pfund Potasche (de Tartrite de potasse, feccia).
2) 3 Pfund Bley, 4 Pfund Antimonium, 1 Pfund Potasche de tartrite de potasse, (feccia.)
3) 5 Pfund Bley, 4 Pfund Antimonium, 6 Unzen de tartrite de potasse (feccia)
4) 4 Pfund Bley, 2 Pfund Antimonium, 6 Unzen de tartrite de potasse (feccia).
5) 1 ½ Pfund Bley, 1 Pfund Antimonium, 1 Pf. de tartrite de potasse (feccia) 1 Pf. gemeines Salz.
6) 3 ½ Pfund Bley, 2 Pfund Antimonium, 1 Pfund de tartrite de potasse (feccia).

Die metallischen Substanzen werden in oxygenirten Metallen angewendet, und die Ursachen, welche Posseri [sic!] bewogen, in dem Verhältnisse so wenig von einander abzuweichen, war, um die verschiedenen Abschattungen zu erhalten, und die Methoden anzugeben, worin die Verfertiger bey Verfertigung dieser Farben abgewichen sind. Nach der Abhandlung von Fougeroux kündigte Delalande ein Verfahren zur Verfertigung des Neapelgelbs an, welches er vom Prinz San Severo erhalten hatte, und welches in Bley und Antimonium bestand. Man nimmt vollkommenes oxygenirtes und durchgesiebtes Bley, und vermischt es mit der Hälfte seines Gewichts mit Antimonium, beydes auf gleiche Art zubereitet; man menget diese Substanzen unter einander, und läßt sie durch ein feines seidenes Sieb gehen. Man nimmt alsdann große und glasurte irdene Schüsseln, und bedeckt sie mit einem weißen Bogen Papier, auf welches man dieses Pulver zwey Zoll dick schüttet. Man bringt sie alsdann zu oberst eines Töpferofens, um sie nicht der heftigen Hitze auszusetzen; die Reverberation der Flamme ist zu ihrer Schmelzung hinreichend; hierauf werden die Schüsseln herausgenommen, und man hat eine Masse von einer goldgelben Farbe erhalten; den Grad der Feuerfestigkeit der Farbe hat nach Fougeroux das Antimonium und der Alaum [sic!] erzeugt; das Oxygene des Bleyes besitzt diese Eigenschaft nicht; unterdessen sehen wir nicht ein, warum der Alaun Einfluß auf die Farbe haben sollte, ob wir gleich wissen, daß das Glas vom Antimonium von einer Hyacinth-, und das von Bley von einer gelben Farbe ist. Ein anonymer Künstler hat ebenfalls eine Verfahrungsart beschrieben, welche der des Delalande nahe kommt. Es werden 12–13 Unzen Antimonium, 8 Unzen Mennig, 4 Unzen Ofenbruch (Tutia) gepulvert, gemengt, und durch ein Sieb gelassen, und wie oben über dem Gewölbe eines Fayenceofens geschmolzen; nachdem dieß geschehen, nimmt man die Masse heraus, welche hart und von einem sehr lebhaften Gelb ist; es wird aber Citron- und beynahe Chamoisgelb, wenn es gepulvert wird. Die Künstler klagen allgemein, daß sie dieses Pigment nicht von einer gleichartigen Beschaffenheit erlangen können. Dieser Unterschied hat aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Grund in der Ungleichheit der Verhältnisse seiner Melangen, wie Passeri sehr gut beobachtet hat.

Man hat lange Zeit dafür gehalten, daß diese Farbe nur einer Familie in Neapel bekannt sey. Fougeroux redet von einem Alten, der dieses Geheimniß besitze; in Deutschland verfertigen sich die Emaillemahler ihre Farben auf eine Art, welche von der des Neapelgelbes wenig verschieden ist. In einem neuen Werke findet man darüber folgende Vorschrift: Ein Pfund Antimonium, 6 Unzen Mennig, und 2 Unzen weißer Sand, wird zusammen geschmolzen, und das Product ist schwärzlich und muß wieder umgegossen werden; man wiederhohlt dieß Verfahren bis die Materie eine vollkommene gelbe Farbe erlangt hat; ½ Pfund von dieser Masse mit 2 Unzen Mennig vermischt und geschmolzen, gibt eine orangengelbe Farbe; dieses Verfahren ist aber langweilig, und hat nicht das Verdienst der erst angeführten. Eine Vorsicht, welche allen Künstlern bekannt und vermieden werden sollte, ist die, daß bey der Bereitung der Farbe kein Eisen angewendet werde. Der Berührungspunct dieses Metalles gibt ihr schon eine schmutzige Farbe, und zuweilen eine grüne Farbenmischung; wenn man einen Spatel nöthig hat, muß man sich eines von Elfenbein bedienen.

Das Neapelgelb ist vornehmlich in der Oehlmahlerey anwendbar; die Farbe ist sanfter, brillanter und weicher als diejenige, welche man von Oker, Massikot, Operment – erhält, und unendlich dauerhafter; man gebraucht sie vorzüglich, wenn die Farbe in das Goldgelbe spielen soll, und man bereitet sie alsdann mit Wasser und arabischem Gummi; den größten Vortheil hingegen gewähret sie in der Fayence– und Porzellan–Mahlerey. Gmelin hat uns gelehret, wie man den Wolfram oxygeniren kann, indem man ihn in Kochsalzsäure (acide muriatique) schmelzen läßt. Der Erfolg davon ist eine schöne gelbe Farbe, welche man in der Mahlerey anwenden kann, nachdem man sie vorher gewaschen und alle Säure davon entfernet hat. Diese neue Farbe könnte die Stelle des Neapelgelbs ersetzen.