Sturm 1700
[Leonhard Christoph Sturm], Die zum Vergnügen der Reisenden geöfnete Baumeister-Academie, Oder Kurtzer Entwurff der jenigen Dinge/ die einem galant homme zu wissen nohtig sind/ dafern er Gebäude mit Nutzen besehen/ und vernünfftig davon urtheilen will. Alles nach denen besten Reguln, und heut zu Tage üblichen Manier dergeschicktesten Baumeister/ jedoch in möglichster Kürtze vorgestellet/ und mit nöhtigen Figuren erläutert, in: Der Geöffnete Ritter-Platz, Worinnen Die vornehmsten Ritterlichen Wissenschafften und Ubungen/ Sonderlich, was bey der Fortification, Civil-Bau-Kunst/ Schiff-Fahrt, Reit-Kunst, Jägerey, Antiquen und Modernen-Müntzen wie auch Modern Medaillen, Hauptsächliches und Merckwürdiges zu beobachten…, Hamburg [Benjamin Schiller] 1700.
Der andere Discurs
Von
Den Stücken der Gebäude.
Das I. Capitel.
Von
Bau-Materialien.
. . .
pp. 18–19
2. Von Sand.
MAn gebrauchet gegrabenen Sand/ welches der beste/ auch Fluß- und Meer-Sand. Tropff oder Tauch Steine die im Wasser wachsen/ wie auch alte Dach-Steine zustossen/ geben guten Sand in das Wasser zu mauren. Man zustösset auch harte Steine/ Kießlinge und Marmor Stücke/ und brauchet den Sand zu dem Bewerffen der Mauren.
3. Von Kalch.
WEr wird theils von harten Steinen/ theils von Alabaster und andern weichen und weissen Steinen/ und endlich auch aus Muscheln gebrandt.
4. Von Mörtel und Verbindenden der Steine
WEnn Sand und Kalch zusammen vermischet werden/ brauchet man die daraus entstehende Massam zu dem Verbinden der Steine und nennet sie Mörtel.
Daferne guter Kalch von harten Steinen und Sand aus Tropff Steinen/ Tauch-Steinen oder alten Dach-Steinen gemenget wird/ entstehet ein Mörtel/ den man Ciment nennet/ und im Wasser gebrauchet/ oder im Grotten/ Kellern/ Abtritten/ und dergleichen. Zwischen harte Steine gebrauchet man Kütte/ in Orient haben sie vor diesem auch mit Hartz gemauret. Man leget auch in die Marmor-Fugen dünne Bley-Platten/ oder fuget solche polirte Steine mit eisernen oder metallenen Zapffen/ die in gegossen Bley eingesetzet werden.
Von Holtz und allerley Metallen besonders zu reden/ ist zu weitläufftig und am besten/ daß man deren Gebrauch durch die Observation sich bekandt mache.
pp. 64–68
Der dritte Discours.
Von der Mahlerey.
MIt der Architectur sind die Mahlerey und Bildhauerey so genau verbunden/ daß wer von diesen nicht vernünfftig Urtheil zu fällen weiß/ ein gantz unvollkommenes Vergnügen aus schönen Gebäuden ziehet. Derowegen will ich in einigen Capiteuln etwas weniges zum Vorschmack derselben vorlegen.
Das I. Capittel.
Von der Eintheilung der Mahlerey.
EIne gute Kundschafft von Mahlen zu bekommen/ muß man zu vorderst auf verschiedene Eintheilungen der Mahlerey Achtung geben.
Die erste geschiehet nach den Materien worauf und womit die Gemählde gemachet werden. Solchem nach wird theils auf Leinwand/ theils auff nassen frisch aufgetragenen Kalch/ welches man al Fresco mahlen nennet/ theils auf Holz/ Stein und allerhand Metalle, als Zinn/ Kupffer/ Silber &c. Theils auch auf Glaß/ und theils endlich auf Pergament und Papier gemahlet.
Auf Leinwand mahlet man iziger Zeit vornehmlich mit Oel-Farben welche Anno Christi 1410. Johannes und Hubertus van Eyck, Gebrüdere aus Flandern bürtig erfunden/ wiewohl die Neapolitaner diese Erfindung auch einem ihrer Mahler Namens Colantonio in das Jahr 1436. anmassen wollen/ wiewohl vergebens/ weil gar zu gewiß/ daß jene etliche 20Jahr vorher dergleichen Gemählde verfertiget/ ja gar nach Neapolis versendet haben.
Auf nassen Kalck ist die künstlichste Arth zu Mahlen/ und wird gebrauchet/ wo man in der freyen Lufft etwas beständiges mahlen will. Man pfleget mit Leim/ und auch mit Oel-Farben diese Gemählde zu machen [sic!]/ müssen aber keine andere als Erd-Farben gebrauchet werden. Der Modus solcher Gestalt al Fresco zu mahlen ist dieser: Erstlich entwirfft der Mahler sein Gemählde/ so groß/ und mit was vor Farben er es haben will auff zusammen geleimt Papier/ zerschneidet hernach dasselbe in so viel Stücke als er meinet allezeit eines auf einmahl mahlen zu können. Hernach nimt er ordentlich ein Stuck nach dem andern vor/ lässet sich auf der vorgegebenen Wand/ welche wohl ausgetrocknet seyn muß/ ein so grosses Stück als er übermahlen will/ mit Kalck überwerffen und fein glat abstreichen und mahlet darauf sein vorgelegtes Bild ab. Die Farben verschwinden anfänglich, wenn sie aufgestrichen werden/ kommen aber hernach/ jemehr der Kalck trocknet/ wiederum hervor. Es pflegen einige Mahler/ wenn sie dergleichen Gemälde gemachet/ und dieselbige trocken worden/ hernach mit Eeyer oder Tragant-Farben noch darein zu retockiren. Allein dieses wird vor Stümper-Arbeit gehalten/ und machet die Gemählde bald heßlich.
Auf Holz pflegte man vor diesem mehr als heute zu Tage zu mahlen/ und wurde von vielen über das Holz erst Leinwand gezogen/ und darauf zartes Gips getragen/ worauf endlich mit Wasser-Farben gemahlet wurde welche Arth zu mahlen alla Tempera genennet wurde.
Man kan auch auff Stein/ Marmor/ Porphyr, Jaspis, Bley/ Kupffer/ Silber und dergleichen mit Oel-Farben mahlen/ und wissen einige sonderlich der Flecken auf dem Jaspis sich wol zu bedienen/ daß sie selbst in dem Gemählde etwas mit bilden helffen.
Auf Glaß wurde Anfangs bloß mit Leim-Farben gemahlet. Weil dieses aber nicht lange in der freyen Lufft halten konte/ ist man auf bessere Wege kommen/ im Feuer die gemahlten Gläser zuzurichten/ daß die Farben dieselben recht durch beitzten und also beständig darauf bleiben.
Auf Pergament pfleget man allein kleine Gemählde mit Gummi und Zuckerkand-Farben zumahlen/ und mit klein aneinander gesetzten Pünctigen aufs angenehmste heraus zu bringen/ welche Art zu mahlen in miniatur genennet wird.
Die andere Eintheilung der Mahlerey geschiehet nach dem Innhalt der Gemählde/ welche bestehen in folgenden: als in Historien/ da eine gewisse Geschicht also vorgestellet wird/ daß die dazu gehörigen Personen zufoderst auf dem Gemählde aufs fleissigste ausgemahlet/ wenn aber Bäume/ Häuser/ Lüffte und dergleichen dabey vorkommen/ müssen selbige/ wenn es sich schicket/in die Ferne gesetzet/ und mit wenigerm Fleiß gebildet werden. Landschafften/ welche einen angenehmen Strich Landes also vorstellen/ daß man die Tages und Jahres Zeit/ die Witterung/ und in etwas auch das Land selbst/ wornach das Gemählde soll gemachet seyn/ erkennen kan. Es können wohl Geschichte darinnen mit geschildert werden/ nur daß man bald erkenne/ daß sie das Haupt-Werck nicht ausmachen/ daher sie auch nur kleine Bilder erfordern.
Stilliegende Sachen werden genennet/ wenn ein Mahler allerhand unbewegliche Dinge/ als Bluhmen/ Speisen/ Bucher/ Instrumenta Musica und Mathematica, Kupfferstücke/ todte Thiere/ Früchte u. d. gl. auf einen Tisch oder sonst wo in einebeliebige Ordnung leget/ und nach dem Leben abmahlet.
Einige Mahler legen sich auch besonders auf Perspectiv-Gemählde/ da sie die Wände und die Decken so mahlen als wenn daselbst das Gebäude weiter fort oder weiter in die Höhe gingen/ davon herzliche Exempel in der grossen Jesuiter-Kirche zu Rom zu sehen.
In Hamburg sind 2 schöne Stücken von Gabriel Engeln verfertiget zu sehen/ eines in St. Catharinen anderes in der St. Johannis Kirche/ auf letzterm ist des Künstlers Contrefait, so ihm auch statt eines Epitaphii dahin gesetzt.
Pourtraits oder Contrefaits, sind nach lebendigen Personen und zuweilen auch nach raren Thieren gemachete wohlgleichende Bildnisse/ werden getheilet in Brust-Stücke da nur ein Kopff mit einem Stücke der Brust/ halbe Stücke da die Person biß auff die Knie/ gantze da sie biß auf die Fuß-Sohlen gantz gebildet wird/ und Pourtraits zu Pferde.
Bataillen. Einige Mahler haben sich offt am meisten bloß darauf geleget schöne Bataillen nach ihren Einfall zu mahlen.
Jagten. Andere haben allein ihre Luft in Ausbildung allerley Jagten gesuchet.
Thiere. Wieder andere haben sich vornehmlich bemühet in gemahlten Kühen/ Schaaffen/ Pferden/ Hunden und s. w. der Natur so nahe als möglich zukommen.
Grotesquen. Welches geschlungene Züge von allerhand Laubwerck sind/ welches der Natur ganz nicht nachkommet/ sondern mit allerhand Zweigen und Blättern nach Belieben erdichtet wird/ wo bey Kindergen/ Thiere und Vögel/ antique Leuchter/ Sphinges, Masquen u. s. w. mit halben oder auch ganzen Leibern eingeflochten werden.
pp. 69–71
Das II. Capittel.
Worauf in allen Gemählden
insgemein zu sehen ist/
umb davon judiciren
zu können.
ERstlich muß man in einem jeden Gemählde die Haupt-Bilder wohl betrachten ob sie proportionirlich gezeichnet sind/ in welchem Stücke vornehmlich die Menschen an den nackenden Theilen zu besehen sind/ ob alle musculi nach der Bewegung groß und rund genug/ die Gliedmassen eines gegen dem andern nicht zu groß und nicht zu klein gezeichnet sind/ u. s. w. dabey muß auch auf die Verkürzung der Glieder und andere Dinge gesehen werden.
2. Ist zu sehen auf die Stellung der Bilder/ unter/ neben und hintereinander/ welches die Ordonantz genennet wird/ wobey denn auff dreyerley haupt-sächlich muß Achtung gegeben werden: ob die Grunde/ worauf die Bilder stehen/ auch natürlicher Weise also hintereinander liegen können/ wie sie in dem Gemählde sind/ ob die Bilder auf diesen Gründen recht stehen/ und ob die weiter zurük liegende Dinge sich der Natur nach recht entfernen.
3. Muß Licht und Schatten untersuchet werden. Das Licht nehmen die Mahler in ihren Originalien, welche von einem Orth zu dem andern gebracht werden können/ allezeit/ als wenn es von der lincken gegen die rechte Hand hineinfiele. In Gemählden an den Wänden richten sie sich so viel möglich nach den Fenstern des Gemaches. In der freyen Lufft nach dem Lauff der Sonnen selbst.
Der Schatten ist zweyerley: Der rundirende Schatten und der geworffene. Jener ist welcher an einem Bild auf derjenigen Seite nothwendig sich zeiget, die von dem Licht abgewendet ist; dieser/ welcher von dem Bild auf dem Boden oder auf die dahinterstehende Dinge geworffen wird/ und ungefehr des Bildes Gestalt hat. Endlich ist auch dabey zu sehen auf das reflectirte Licht/ welches ganz schwach ist/ und auf die Dinge/ da der gröste Schatten ist/ fället/ wenn nehmlich die Strahlen der Sonnen von einem dahinterstehenden Cörper zurücke prallen. Daß man hievon leichtlich judiciren lerne/ ist nichts bessers als fleissig in der Natur selbst darauf zu sehen/ wie die Schatten von der Sonnen fallen. Insgemein aber gilt diese Regul/ daß wer von Gemählden will judiciren Lernen/ sich gewehnen muß alles was er ansiehet fleissig und eigentlich durch und durch zu betrachten/ und sich also die Natur in das Gedächtniß zu drücken.
4. Kommet bey Gemählden vor die Colorit, das ist die Farben wohl zu betrachten. Es sind vornemlich zweyerley Haupt Arten zu coloriren/ entweder mit einerley Farbe durch und durch/ welche Arth man â Camayeux, Claro-scuro, oder Grau in Grau nennet/ ob schon die Farbe grün/ gelb/ roth oder sonst immermehr seyn mag; Oder mit vielerley Farben recht nach der Natur/ wobey darauf zusehen/ ob die Farben so gebrochen sind/ daß sie das Auge als natürlich betriegen/ hernach ob die Farben sich gelinde von einander absondern/ ob solche Farben zusammen gestellet sind/ die einander in ihrem Glantz helffen/ als Roth und Grün/ Gelb und Blau und so weiter. Man muß sich auch bey den berühmtesten Wercken die Art der Colorit wohl imprimiren, weil darinnen die Meister sehr von einander unterschieden sind/ und dahero eben dadurch oftmahls können in den Gemählden erkandt werden.
pp. 71–72
Das III. Capittel.
Worauf über dieses in Historien
Gemählden besonders
zusehen ist.
WEnn in einem Historien-Gemählde auff alles vorher erzehlete ist gesehen worden/ so ist ferner nöhtig auf folgende Stucke mit Achtung zu geben.
1. Auff die Wahrheit/ daß nichts in dem Gemälde sey/ so der Historie/ wie sie von guten Auctoribus beschrieben ist/ zu wiederlauffe/ also darff man bey der Hochzeit zu Cana in Galilea keinen weissen Wein mahlen, weil nur rother in Judæa gewachsen ist. Es wäre denn eine gewisse Ursache vorhanden/ wieder solche Umstände der wahrheit etwas zu machen/ als wenn an einem Päbstischen Altar das Abendmahl gemachet wird/ als sässen die Jünger dabey/ da sie doch nach der alten Manier dabey gelegen/ damit solcher Gebrauch dem gemeinen Volck nicht wunderlich vorkomme.
2. Auff das Decorum/ daß die Bilder solche Kleidungen/ die Bäume solch Laub/ die Gebäude solche Ordonance und Verziehrung bekommen/ als sie in dem Land zu der Zeit gehabt/ da die Geschicht passiret. Dieses hat le Brun in seinen Gemählden von Alexandre, welche theils auf dem Louvre, theils zu Versailles sind/ wohl in acht genommen.
3. Auf das Alter/ Geschlecht und Stand der Persohnen. Daß ein Bauer keine Gestalt eines wohl gezogenen ansehnlichen Mannes/ ein König hingegen eine Bauer Gestalt bekomme/ daher viel Mahler und unter andern der berühmte le Brun gar die Physiognomie studiret/ damit sie die Persohnen nach solchen Reguln desto besser distinguiren können.
4. Auf die besondern affecten einer jeden Persohn/ daß aus ihrem Gesichte/ und aus ihrer Action könne geschlossen werden/ was die Persohn andeuten und vorstellen solle. Auch in diesem Stück kan le Brun sonderlich aber dasjenige Stück/ da er Alexandrum und Ephestion gemahlet/ wie sie zu des Darius Familie in das Gezelt kommen/ vor ein haupt Exempel dienen. Doch hat ihn Rubens noch darinnen übertroffen.
