Krünitz 1778/XV
Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie, oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- u. Landwirthschaft, in alphabetischer Ordnung XV (Fre–Gam), Berlin [Joachim Pauli] 1778.
pp. 7–14
Fresco-Mahlen, Fresco-Mahlerey
Fresco-Mahlen, Fresco-Mahlerey, Mahlerey al fresco, aus dem Ital. fresco, frisch, Fr. Fresque, peindre à fresque, Mauergemählde, die Mahlerey mit Erdfarben auf den frischen oder nassen Kalk einer Wand oder Mauer, oder eines Plafonds.
Unter allen Arten von Mahlereyen, welche heut zu Tage üblich sind, kann ein vortrefflicher Künstler in der Mahlerey auf frischen Kalk, seine größte Geschicklichkeit anbringen, und seinem Werke die größte Stärke geben. Allein, um hierin etwas rechtschaffenes zu leisten, muß er ein guter Zeichner seyn, eine große Uebung und besondere Kenntniß seines Werks, welches er vor sich hat, haben; sonst würde seine Arbeit armselig, frostig und unangenehm ausfallen, weil sich die Farben nicht so leicht, wie im Oehl, vereinigen, und zusammen wirken. Diese Art zu mahlen, hat in Italien große Künstler hervorgebracht, welche sich aber mit dem Wachsthume der Oehlmahlerey sehr vermindert haben; und es bequemt sich ein Mahler ungern dazu, da er mit dem Kopfe über sich, auf Gerüsten, und sehr eilfertig, auf dem Kalke der Decken (Plafonds) zu arbeiten genöthigt ist.
Nachdem sich also derselbe des Mäurergerüstes wohl versichert hat, und die schädlichen Dünste des angeworfenen Kalkes, durch den Beystand eines guten Luftzuges verwehen laßen, macht er die Verfügung, daß der trockne Kalk mit dünnerm Kalke, und dieser mit einer noch dünnern Tünche überpinselt werde.
Der erste Anwurf, welcher aus gutem Kalk und Kitt von gestoßenen Ziegelsteinen gemacht werden könnte, wird gemeiniglich von groben Flußsand und gutem Kalk gemacht. Ehe man ihn aufträgt, muß man in die Steine, wenn sie nicht so porös und durchlöchert als sonst viele Bruchsteine sind, schräge Löcher von allerhand Art meisseln, damit die Tünche desto besser eingreife, und nicht abfalle. Ist die Mauer von Ziegelsteinen, nimmt sie den Mörtel vor sich selbst schon an. Dieser erste Auswurf muß wohl zugerichtet, aber sehr rauh seyn, damit der zweyte desto besser fasse, und sich mit dem ersten völlig vereinige.
Ehe man das zweyte mahl bewirft, feuchtet man den ersten Auftrag an, um ihn zur Aufnahme des zweyten geschickt zu machen. Zum zweyten Anwurf nimmt man Kalk, welcher seit einem Jahre, oder wenigstens seit 6 Monathen gelöscht worden, weil man aus der Erfahrung weiß, daß der Anwurf von diesem Kalke nicht aufspringt. Man braucht hierzu Flußsand, welcher weder zu grob noch zu fein seyn muß. In Italien, und besonders in Rom, bedient man sich des puteolanischen Sandes, welcher bey Grabung der Brunnen aus der Erde gebracht wird; weil aber die Körner desselben ungleich sind, ist es auch schwer, davon einen guten Anwurf zu machen. Weil aber dieser zweyte Anwurf sehr leicht seyn soll, und man auf demselben nur naß mahlen kann, muß man einen geschickten Mäurer haben, der ihn gehörig gleich mache, und nur so viel auf einmahl verfertigen, als man in Einem Tage bemahlen kann.
So bald die Mauer übertüncht worden, muß man mit einem Pinsel die kleinen Sandkörnchen hinweg nehmen, damit die Farben desto besser darauf haften mögen. Diese Arbeit nennt man das Graniren, d. h. das Abkörnen oder Entkörnen, und geschieht nur bey großen, und vom Auge weit ab stehenden Dingen; wiewohl es bey nahe gelegenen auch vorgenommen werden kann. Damit aber doch die rauhe Mahlerey nicht so sehr in das Gesicht falle, pflegt man zu Ende der Arbeit einen Bogen Papier darauf zu legen, und mit der Mäurerkelle sanft anzudrücken, damit die allzuviele Rauhigkeit dadurch vertrieben werde.
Ehe man zu mahlen anfängt, verfertiget man seine Zeichnung, oder das Modell, und noch eine andere Zeichnung, welche so groß, als die Arbeit selbst, ist, und welche man an der Wand befestiget, um die Fehler von fern desto besser wahrzunehmen. Zu großen Kirchendecken, Sählen, krummen Gewölben, die für ein Papier zu groß sind, bedient man sich des Gitterrahmens, durch dessen Hülfe man Sachen aus dem Großen ins Kleine bringt. Man theilet das kleine Modell in eben so viel kleine Netz-Quadrate, um die Sache in eben so viel größere Vierecke auf die betünchte Mauer davon überzutragen. Von diesen Quadraten wählet sich nun der Frescomahler täglich so viele, als er in Einem Tage auszumahlen gedenkt. Diesen Platz läßt er täglich übertünchen, und er zeichnet jedesmahl von neuem die durch den Kalk beworfenen Vierecke auf die frische Tünche, um darnach zu mahlen. Kann er sein Tagewerk nicht vollenden, so schneidet er die überflüssige Tünche, nur nicht mitten an nackten Theilen, sondern an der äussersten Zeichnung, von dem fertigen ab. Sein Pinsel läuft solchergestalt von einem Stücke zum andern unaufgehalten fort; und man warnet den Mäurer beständig, nicht den Rand der vollendeten Arbeit mit dem Pinsel zu verunstalten. Es ist daher am sichersten, das Gemählde von oben anzufangen, und jederzeit unter sich hinab tünchen zu lassen. Auf den getünchten Theil der Decke wird die Zeichnung des großen Papiers sanft gedrückt, und der Umriß mit einem eisernen Griffel solchergestalt vorsichtig in den noch frischen Kalk durch das Papier gezeichnet. Kleine Risse durchlöchert man mit der Nadelspitze, überstäubt sie mit Kohlenstaube, und reibet diesen Staub durch das Papier mit einem trocknen Pinsel auf den Kalk ab.
Man bedient sich der Borsten und anderer Pinsel von steifen, langen und spitzigen Haaren; allein, man muß sich hüten, auf dem Grunde des nassen Mörtels, nicht zu viel zu arbeiten. Man kann auch eckige oder stumpfe Borstenpinsel beym Gründen gebrauchen, doch müssen ihre Haare allemahl lang seyn.
Alle Farben werden vorher, von jeder so viel, als das ganze Werk erfordert, auf einmahl mit Wasser fein gerieben, damit keine Farbenabsätze entstehen mögen. Das übrige kommt mit dem Oehlmahlen überein. Die Farben werden in ihren Geschirren vor dem Staube in Acht genommen. Die Palette besteht aus verzinntem Blech; ein umgebogener Rand hindert das Ablaufen der flüssigen Farben, welche hier ziemlich dünn sind. Auf der Mitte der Palette befindet sich ein Wassergeschirr, die Farben zu verwaschen. Der Kalk muß, ehe man zu mahlen anfängt, keinen Fingerdruck mehr annehmen, weil ein nachgebender Kalk nur schwache Anzeigen eines Gemähldes zurück laßen würde. So bald die ersten Farben den Kalk erreichen, verlieren sie ihr Licht und ihre Schönheit mit einmahl; man muß daher eben diese Lagen mehrmahls wiederhohlen, und ein Stück nicht eher aus der Arbeit laßen, als bis es völlig, ausgearbeitet und fertig ist. Jeder hinzugesetzte Farbenzug würde nach etlichen Stunden nichts als Flecken zum Vorschein bringen. Ehe man eine neue Lage gibt, muß so lange gewartet werden, bis die alte Farbe erst recht trocken geworden ist. Frische Tünche macht ein Gemählde lebendig und dauerhafter; weil aber der Kalk vornehmlich die Schatten ein wenig bleich naget, so muß man diese Farbenblässe durch Pastellfarben, oder durch Pinselchen, die man mit eben der Farbe mäßig eingerieben hat, überfahren.
Ehe man zu mahlen anfängt, muß man die in den irdenen Gefäßen zubereiteten Tinten vorher probieren, indem man sie, eben so wie in der Wassermahlerey, auf Platten von Gyps oder Kalk, oder auch Ziegelsteine, welche die Feuchtigkeit sogleich an sich ziehen, trocknen läßt; denn das Wassermahlen hat viel Aehnlichkeit mit dem Frescomahlen; ausgenommen, daß bey diesem der Grund Kalk ist, und daß man nur in bloßem Wasser aufgelösete Farben hierzu gebrauchet.
Es eräugnet sich zum öftern, daß einem Mahler das Gemählde mißlingt, so, daß er dasselbe gern wieder hinweg nehmen möchte. Daher muß er dasselbe abschroten laßen, jedoch daß die übrige Arbeit nicht berührt werde. Wenn alsdenn der verlangte Ort auf das beste gesäubert worden, muß man denselben mit besonderer Geschicklichkeit zu nutzen wissen, und zur neuen Mahlerey eine frische Tünche anwerfen; wiewohl man an bedeckten Orten auf die alte Tünche neue Figuren mahlen kann, wofern sie nur gelinder als die übrigen gemahlt sind.
Alle Farben, welche nicht Erden sind, taugen zu dieser Art von Mahlerey nicht, weil das zerstörende Kalksalz sie verändern würde. Auch müssen diese Erden, wo möglich, von trockner Natur, oder gestoßene Steine und Marmor seyn, weil sie alsdenn eine Art von colorirten Mörtel geben.
Die Farben, welche man gebraucht, sind folgende. Das Weiße des Kalkes selbst ist das beste, Farben zu mischen, und Fleisch und Kleider auszudrücken. Man muß dazu solchen nehmen, der wenigstens seit einem halben Jahre gelöscht worden. Man verdünnt ihn mit Wasser, läßt ihn durch ein dichtes Sieb laufen, und in flachen Gefäßen sich setzen Das obenstehende Wasser wird abgeseihet, und man verwahrt den Satz vor den Staub Der feine weiße Marmorstaub wird mit Kalkweiß vermischt, um ihm mehr Körper zu geben. Einige nehmen von beyden gleich viel; zuweilen ist auch ein Viertheil Marmorstaub genug. Von allzuvielem Marmor wird das Weiß schmutzig. Das Weiße von Eyerschalen, gibt zum Fresco- und Pastellmahlen eine angenehme Weiße; die Zubereitung desselben zu diesem Behuf, habe ich im XI Th. S. 760, angezeigt. Ocher, italienische Erde, Massicot, dessen Gebrauch doch nicht allzu sicher ist; das neapolitanische Gelb; doch gibt der Ocher das schönste Gelb. Wenn man ihn hell machen will, versetzt man ihn mit Kalkweiß. Der Zinnober ist zwar ein Mineral, aber doch hierzu tauglich; wiewohl er nicht in freyer Luft, sondern nur an verschlossenen Orten dauert. Nach der Läuterung bekleidet man die Gewänder mit feinem Zinnober, nachdem derselbe vorher auf folgende Art zubereitet worden. Man thut ihn in ein irdenes Gefäß, und gießt Kalkwasser, welches noch vom Aufsieden des ungelöschten Kalkes heiß ist, darüber; nimmt das Klarste und Reinste davon; seihet hernach dieses Kalkwasser ab, ohne den Zinnober aufzurühren, und gießt noch einige mahl dergleichen Wasser darauf, nachdem jedes mahl das erstere abgegossen worden. Römischer, im Ofen gebrannter Vitriol, sticht sehr wohl auf der frischen Tünche ab. Man bereitet ihn in Brandwein zu, wodurch er eine Purpurfarbe bekommt. Man gebraucht ihn zum Anlegen, und überfährt ihn mit Zinnober, da sich denn die Gewänder so gut, wie in der Oehl-Lasierung, ausnehmen. Das Englische Braunroth vertritt des vorhergehenden Stelle, weil es ebenfalls aus blauem Vitriol besteht; wenn es trocken wird, verbreitet es, im Licht und Schatten eingemischt, eine angenehme Purpurfarbe. Der Kreutzdornsaft, oder das Saftgrün, wird von dem Weißen des Kalkes gelbgrün, ohne sehr zu verschießen. Das Berggrün belebet die Gewänder in frischem Kalk. Das Erdschwarz schattiert die gleben Gewänder. Das venedische Erdschwarz ist die schwärzeste unter allen Kalkfarben. Man gebraucht auch die zu Kohlen gebrannten Weinhefen, Pfirsichsteine, Papier etc. Mit allen diesen Farben vermischt der Frescomahler das Kalkweiß zum Lichte, zu Schatten und zu Mittelfarben. Smalte und Lasurblau gepülvert, bestehen recht wohl an der Luft und im Regen. Diese Farben sind besonders in Landschaften gut. Ultramarin ist hier schön, aber kostbar. Der Kalk zerstört folgende Farben: Bleyweiß, Mennig, Lack, Grünspan, Auripigment, Beinschwarz.
In Rom hat man noch eine Art al fresco auf alte Wände zu mahlen, welche man mit sehr wenigem und verdünntem Gypse überwerfen läßt. Diese Art leidet alle Farben ohne Unterschied, wenn man nur die oft geweißten Wände vorher überschabt hat, um der überflüssigen Tünche keine Gelegenheit zum Abspringen zu geben. Frisch getünchte Wände werden nur mit Gypse überzogen, um die Farben begierig und schnell in sich zu saugen.
Das Frescomahlen verstattet folglich nicht dem Pinsel, wie die Oehlmahlerey, nasse Farben in einander zu mischen; er schraffiert oder punctiert gemeiniglich seine Schatten; und bloß die Entfernung vom Auge muß diese leichte Striche in farbige Flächen verwandeln. Eine kurze Zeit nach dem Mahlen steigen erst alle Farben aus dem Kalke mit ihren Schönheiten herauf, da sie unter der Arbeit nichts, als ein unförmliches Chaos von Pinselstrichen vorstellten; die scheinbaren Ansätze verschwinden, und die Wärme der Luft vereinigt die Stücke zu einem Ganzen, dessen Lebhaftigkeit unzerstörbar scheinet.
Das Frescomahlen ist vormahls, ehe man die Oehlfarben ausgedacht hat, zur Verzierung der Wände, sowohl in den Zimmern, und an den Decken und Gewölben, als auf den Außenseiten, mehr im Gebrauch gewesen, als heut zu Tage, wiewohl sie noch jetzt in großen Gebäuden, zu ganz großen Stücken viel gebraucht wird. Die Alten scheinen die Farbenmischung dazu vollkommen verstanden zu haben; denn man trifft bisweilen noch Stücke an, die seit vielen Jahrhunderten die frischeste Farbe behalten haben. Die herrlichsten Werke des Raphaels im Vatican, sind in dieser Art gemahlt, wiewohl sie jetzt in Absicht auf die Färbung sehr viel verloren haben; denn zu Raphaels Zeiten verstund man die Ausübung dieser Art zu mahlen noch nicht so gut, als hernach zu der Canacci Zeiten. Hanibals Gemählde in der Gallerie des farnesischen Pallastes, sind in Ansehung der Ausführung weit schöner, als alles, was vor ihm in dieser Art gemacht worden. Von dieser Mahlerey sind ganz unvergleichliche Deckenstücke von den Händen des Jesuiten Andr. Pozzo, in einigen römisch-katholischen Kirchen vorhanden, welcher auch, im Anhange bey seiner Mahler- und Bildhauer-Perspectiv, Augsp. 1749, f. eine lat. und deutsche Anleitung dazu, u. d. T. institutio brevis pingendi albarium recens; kurze Unterweisung zum Fresco-Mahlen, gegeben hat. Unter den französischen Frescomahlern, war Charles de la Fosse (geb. 1640, gest. 1716) sehr berühmt.
In England und in den Niederlanden wird diese Art der Mahlerey nicht gebraucht, weil solche wegen der feuchten salzigen Seeluft daselbst nicht dauern, noch trocknen kann.
Hallens Werkstäte der heutigen Künste, 1 Band, Brandenb. und Lpz. 1761, 4. S. 310–314.
Sprengels Handwerke und Künste, 10 Samml. Berl. 1773, 8. S. 55–61.
Sulzers allgem. Theorie der schönen Künste, 1 Th. Leipz. 1773, gr. 8. S. 536, f.
