Jahn 1803
Johann Quirin Jahn, Abhandlung über das Bleichen und die Reinigung der Oele zur Oelmalerey; wie auch über die Grundstoffe, die Farben, die Erhaltung der Oelgemelde und die noethigen Firnisse. Nebst einem Beytrage über Ausbesserung, das Auffrischen und das Abziehen alter Gemälde, Dresden [Waltherische Hofbuchandlung] 1803.
p. 46
ZWEYTER ABSCHNITT.
Von dem Stoffe, worauf mit Oelfarben gemalt wird, wie auch etwas von den leztern, und von Erhaltung der Gemälde.
§. 70.
Die Stoffe, worauf mit Oelfarben gemalt wird, lassen sich in vier Hauptklassen eintheilen, und sind: Mauer, Leinwand, Blech und Holz; wozu hier die Handgriffe ihrer verschiedenen Grundirungsarten, als bekannt, vorausgesezt werden; nur bleiben auf einem lichten oder weissen Grunde die Farben viel mehr erhöht stehen, als auf einem dunkeln; lezterer wird zu Nachtstücken angerathen.
Mauer; hierher können, auch die Gemälde auf Steinplatten gezogen werden. Leztere werden nur zu kleinen oder Kabinetsstücken verwendet, und mehr der Seltenheit, als des Gebrauchs wegen, weil sie der Gebrechlichkeit zu sehr unterworfen sind, aufbewahret; doch erhalten sich die Oelfarben, weil sie gerade auf die polirte Oberfläche des Steines aufgetragen werden, sehr gut. So standhaft sind die Oelgemälde an der Mauer nicht; theils gehen diese schon ins Grosse, und müssen einen Oelgrund haben; dem ohngeachtet wirkt die abwechselnde Witterung, der sie meist ausgesezt sind, und der Kalk zu sehr auf das Oel, dass die Farben nachdunkeln, absterben, wohl auch sich der Grund von der Mauer abschält. Für Mauergemälde bleibt die Freskomalerey und Mosaik die bewährteste und standhafteste.
. . .
p. 50
§. 71.
Der Dauer, hat man Oelgemälde an der Mauer von hohem Alter, wie zu Karlstein, wenn sie nur der freyen Witterung und Sonne nicht ausgesetzt sind, obgleich übrigens durch die Länge der Zeit die künstlichen und mehr lasirend aufgetragenen Farben gelitten und zum Theil verblichen sind, allein die stark und körperlich behandelten stehen noch standhaft, besonders wo Erdfarben ganz oder beygemischt gebraucht worden.
. . .
p. 51
Noch ein Beyspiel an einem einheimischen Künstler wollen wir hier anführen, der bereits vor sechszig Jahren gestorben ist, und dessen Gemälde ungefähr hundert Jahre alt seyn können; nämlich ADALBERT ANGERMEYERN, welcher nur Kabinetsstücke in Früchten, Blumen und Stillleben machte. Man hat zwar keine Oelgemälde von ihm auf Mauern, von denen bereits oben das Nöthige gesagt worden; allein seine Gemälde sind auf Leinwanden, Blechen von Eisen, Kupfer und auf Holz gemacht. Auf den zwey letzten Stoffen stehen die Farben wegen der glatten Oberfläche noch in vollem Glanze, nicht so auf denen von Leinwand; diese lassen schon den Faden sehen, in die Zwischentiefen hat sich feiner Staub und Russ gelegt, welche allein schon die Farben unscheinbar machen; zudem hängen meist die Gemälde an Mauern, deren Ausdünstung bey abwechselnder Witterung auf die schwache Leinwand und ihren Grund, auf das Oel und die Farben der Oberfläche mitwirken.
. . .
pp. 52–57
§. 72.
Farben. Die bereits angeführte Farbenkunde des Herrn HOFMANNS kann für jeden Maler befriedigend seyn. Er lernet daraus die ächten von den unächten Farben unterscheiden; die standhaften, wie die unbeständigen kennen; nicht minder, welche durch Abschüsse oder Auslaugen von den schädlichen Salzen gereiniget werden, und welche sich mit einander vertragen oder nicht. Vor den verschiedenen färbigen Lacken, die in Oelfarben gebraucht werden müssen, hat Herr HOFMANN schon gewarnt; als auch den unächten Purpurlack von dem ächten unterschieden. An letzterm wird die gewöhnliche Probe auf der Stelle gemacht, wenn auf die trockene Farbe etwas Citronensaft oder wohl gar Scheidewasser getropft wird; bleibt die Farbe unverändert, so kann man zwar schon auf ihre Aechtheit schlüssen. Doch ist die sicherste Probe, wenn ein Stückchen mit Oel fein abgerieben, an einer Fensterscheibe aufgestrichen, und der Mittagssonne ausgestellt wird; bleibt die Farbe nach mehrern Wochen unverändert, oder verliert, wie sich die Künstler ausdrücken, ihre Blume nicht, so kann man auf ihre Dauer und Standhaftigkeit rechnen. Wird auf die Dauer der Farben gesehen, so muss man sich gänzlich des Schüttgelbs und des Berliner Blaues enthalten; denn diese Farbe zieht nicht nur die Luft, der Sonnenschein, sondern selbst das Wasser in den Oelfarben auf. Die Sonne macht das Berlinerblau ins Grüne spielend; allein Feuchte und Nässe, weil diese Farbe ein thierisches Laugensalz enthält, lösen es auf und verwittern es. Dies ist die Grundursache, warum in der Oelmalerey alle Salze vermieden, und die Farben hiezu ausgelaugt werden sollen. Wasser vereiniget sich mit den Oelen nicht; wohl aber wenn Salze, besonders alkalische beygemischt werden, entstehen Seifenarten, die das Wasser auflöset. Daher müssen und sollen alle Salze in der Oelmalerey sorgfältig vermieden werden; weil sie die Oelfarben angreifen, nachbräunen, und endlich verwittern. Eben daher sind, nach §. 54. die gekünstelten Bleichungsarten der Oele, weil sie mittelst den bey sich führenden Salzen geschehen, in der Oelmalerey unbrauchbar; denn wenn sie von einer Seite zur Bleichung und Reinigung der Oele beytragen, theilen sie ihnen von der andern Seite ihre weit schädlichern Salze mit.
In Rücksicht der Erdfarben für die Oelmalerey hat Herr HOFMANN die bekanntesten, die im Handel vorkommen, angeführt; doch hat ein jedes Land seine eigenen, besonders Gebirgsgegenden oder wo sich ausgebrannte Vulkane finden. So ist Böhmen an verschiedenen Erdfarben gar nicht arm, und manche übertreffen in der Schönheit und Reinigkeit noch die ausländischen; doch hier ist nicht der Platz, sie aufzuzählen. Indessen schwärzen die grünen Erden im Oele sehr nach; man hat dies durch Firnisse mit Mastix zu verhindern geglaubt; allein das Nachschwärzen, wenn auch später, erfolgt doch. Uebrigens, wenn das Veroneser Grün im frischen Gemälde eine schöne jungfräuliche Halbtinte giebt, so ist diese Erde doch vorzüglich schuld, dass an den Werken berühmter italiänischer Meister jezt die Schatten so dunkel sind, selbst in lichten Parthien, wie bey SOLIMENA, dunkle Flecke erscheinen. Auch bey unserm BRANDEL, wo er sich des Veroneser Grüns bediente, haben durch das Nachschwärzen jezt seine Schatten diese dunkle Härte. Die Terra di Siena dunkelt auch sehr nach. Was ferner Herr HOFMANN vom Rösten und Brennen der Ocker und Erdfarben sagt, ist sehr bewährt. Jedoch wer dies noch weiter treiben will, muss in einem sogenannten Probierofen unter der Muffel das Brennen vornehmen, wo er dem Feuer verschiedene Grade geben kann, und dadurch verschiedene Schattirungen und Abstufungen der Farben erhalten wird. In KUNKELS Kunst und Werkschule kann der Künstler von den Farben noch viel nützliches und dahin einschlagendes finden.
Hierüber noch ein Beyspiel an unserm ANGERMEYER. Dieser bediente sich meist der innländischen Erdfarben, und weil er eine Art von Alchymisten war, bereitete er diese, und zum Theil die künstlichen, selbst, oder unter seiner Aufsicht. Die Erdfarben liess er, nachdem er sie ausgesucht hatte, abreiben, schwemmte sie alsdann im Regenwasser, um sie vom Mergel und allen etwanigen Salzen zu reinigen. Der Verfasser dieses Aufsatzes besitzt Ueberreste von diesen gereinigten Farben, und ANGERMEYERS Beobachtungen giengen so weit, dass er die Farben nach ihrer Wirkung, Gebrauch und Mischung unterschied; so hatte er einen gelben Ocker für schönes Grün u. s. w. Unter andern bediente er sich des gereinigten Bergblaues, das in Oelfarben ein schönes Grün giebt, wie man den Gebrauch dieser Farbe auch bey ältern Meistern bemerkt. Das Minium bereitete er besonders zu, um die hochrothe Farbe in Blumen, wie die Blüte der spanischen Kresse ist, zu erhalten, welche hohe Farbe der Zinnober nicht giebt, der wegen seinem bey sich führenden Schwefel, mit Bleyweiss gemischt, gerne nachbräunt. So wird Neapolitanisch Gelb, wenn es nicht wohl gereinigt ist, Rausch- und Königsgelb, mit Bleyweiss gemischt, gar schwarz. Dies erfolgt auch, wenn das Oel mit Vitrioloel oder Schwefelsäure gebleicht worden; siehe §. 54.
Ferner liess er sich die Farben mit Oele auf das feinste abreiben, dass sie gleich einer zarten Butter waren; aber nicht auf Marmor, weil dieser besonders die Erdfarben nach langem Reiben schmutzt, sondern auf Porphyr oder ähnlichem harten Steine. Diese reinliche und feine Zubereitung der Farben bemerkt man auch an den Gemälden alter Teutscher und anderer Meister. Diese geben, indem die feinen Farbetheilchen vom Oele durchdrungen sich dicht an einander anschliessen, eine glatte Oberfläche, lassen die aufgetragenen Tinten zusammengeschmolzen in vollem Glanze stehen, wodurch endlich die abwechselnde Witterung und der Schmutz sich weniger anlegen und einwickeln kann. Hingegen entsteht bey gröblich geriebenen Farben, wie dies meist bey Malern ins Grosse der Fall ist, eine rauhe Oberfläche, woran sich alsdann Schmutz und die abwechselnde Luftsäure und Salze mehr anlegen können; Farbe und Oel verwittern; daher dergleichen Oelgemälde auch früher unscheinbar werden, nachdunkeln, endlich gar absterben und verderben; besonders noch weil zu solchen grossen Gemälden in- und über Lebensgrösse, meist Leinwand zum Grundstoffe gewählt wird. Noch dürfte die gemachte Erfahrung mit den Bleyweissen hier nicht überflüssig seyn. Freyherr von LANDEN räth an: das im Oele abgeriebene Bleyweiss dreymal im filtrirten Regenwasser abzukochen, wodurch ihm die Säure, damit es nicht nachbräune, benommen würde. Den 27. December 1798 wurde Bleyweiss mit Mohnoel abgerieben, dreymal frisches Regenwasser aufgegossen und jedesmal zum Sude gebracht, wodurch das Bleyweiss etwas dicker wurde. Im Aufstreichen war das ungesottene Bleyweiss weisser als das gesottene; jedoch im Auftrocknen unterschieden sie sich bald nicht mehr, und so stehen sie noch ohne allem Unterschied 1802 neben einander auf der alten mit Oelfarbe grundirten Leinwand, auf welcher der Versuch gemacht wurde.
SANDRART sezt zwar schon das Schluppweiss, das aus England kommt, als das standhafteste in der Oelmalerey an. Man versuchte im Jänner 1799. das Spanisch- Kremser- und Schluppweiss in Oel abgerieben, und strich sie in Streifen neben einander auf eine alte mit Oelfarben grundirte Leinwand. Frisch und eine geraume Zeit darnach hatte das Kremserweiss in der Weisse den Vorzug; das Schluppweiss nach ihm spielte ins Bleyfarbene, und hatte den meisten Körper; eben so körperlich war das Spanischweiss, nur an der Farbe ins Rothgraue. Nach drey Jahren 1802. war das Spanischweiss das graueste und dunkelste, und daher in Oelfarben für Weiss nicht zu brauchen; das Kremserweiss, mehr lasirend als körperlich, war weissgelblich; das Schluppweiss, bey seinem Strich ins blaulichte oder bleyfarbene, war an der Weisse dem Kremser gleich: dass also das Schluppweiss die wenigste Veränderung leidet, wegen seiner körperlichen Eigenschaft gut deckt, und wegen seinem Spiel ins blaulichte das standhafteste Weiss in Oelfarben ist.
Das Schluppweiss kömmt zu uns über Amsterdam in grauen und weissen Schiefern, die oft noch Bleytheile bey sich führen. Die weissen Schiefer geben, wenn sie frisch sind, ein höheres Weiss, die grauen ändern aber ihre Weisse auch nicht. Sonst ist es von jenem Schieferweiss, das wir in grössern Tafeln oder viereckigten Platten erhalten, wohl zu unterscheiden; dieses ist bey seiner Weisse lasirend, und hat das körperliche nicht wie jenes. Nebst diesen hat man noch das holländische und venetianische Bleyweiss; diese haben aber weder das körperliche, noch ein helles, reines Weiss; daher sie auch nur zu geringen Arbeiten verwendet werden. Im Grunde sind alle, das Spanischweils ausgenommen, Bleykalke, und führen, eins mehr als das andere, Bleyzucker bey sich; aus welcher Ursache die Bleyweisse auch geschwinder im Oele trocknen. Eben der Bleyzucker, der im Salze ist, verursacht, dass ein jedes Bleyweiss, eins mehr als das andere, mit der Zeit einen Strich ins Gelbe bekommt; und weil das Kremserweiss den meisten Bleyzucker, daher es auch lasirt, enthält, veranlasst dieser, dass dieses sonst frische blendende Weiss nach einigen Jahren so sehr nachgilbt.
Werden vollends Ocker, grüne Erden, Umbra, Kohlschwarz u. s. w. ohne diese zuvor von ihren vitriolischen und alkalischen Salzen auszulaugen, mit Bleyweils versezt; so bräunen dergleichen gemischte Farben mit der Zeit nach. Aus diesem ersieht man aber noch die Nothwendigkeit, welche nicht genug anempfohlen werden kann, die Farben und Oele zur Malerey zu reinigen; und sind diese auch gereiniget, so setzen sich doch noch mit der Zeit die Oelfarben, welches Setzen der Farben die Künstler Patina nennen. Aus diesem Grunde beobachten gute Koloristen die Wirkung der Farben nach dem Auftrocknen, nehmen frischere nach der Wirkung, die Töne etwas höher, um nach gesezten Farben, mittelst der Patina, eine vollkommnere Uebereinstimmung oder Harmonie der Farben fürs Ganze zu erhalten. Wie denn die Farbengebung mit ein Haupttheil des Malers ist, wodurch er sich von den übrigen bildenden Künsten unterscheidet; diese können Zeichnung, Ausdruck, Zusammensetzung u. s. w. auch in einem hohen Grade besitzen; weil sie aber die Farbengebung nicht bedürfen, sind sie eben desswegen keine Maler. LEONARDO DA VINCI und G. LAIRESSE haben einige Regeln zur Farbengebung hinterlassen; ein jeder Maler sammelt hierüber seine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, wodurch er sich durch eigenes Nachdenken Regeln bildet, die ihm eigen bleiben, wie wir dies an den grossen Meistern des Kolorits sehen und bemerken.
