Beckmann 1793/I

Johann Beckmann, Vorbereitung zur Waarenkunde oder zur Kentniß der vornehmsten Ausländischen Waaren I/2, Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1793.


Johann Beckmann (1739–1811) was a German naturalist and technologist from Hanover. He studied in Göttingen, Brunswick, and the Netherlands. Later he worked in Russia and also travelled to Denmark and Sweden. In 1766 he was appointed associate professor at the University of Göttingen, where he later became a member of the Royal Society of Sciences. He was interested in various manufacturing processes, which he introduced to his students and to which he devoted several of his publications. From Beckmann’s Introduction to the Science of Commodities (1793), we present another passage on the production of Naples yellow, which also includes references to earlier literature.


pp. 181–192

10.

Neapelgelb.

Die Zubereitung dieses Pigments oder dieses Farbematerials ist zwar in neuern Zeiten bekant, und in verschiedenen chemischen Schriften gelehrt worden, aber in den allermeisten Büchern, welche die Erklärung der Waaren und ihren Gebrauch zur Absicht haben, sind die Nachrichten davon noch ganz unrichtig oder doch sehr fehlerhaft. Zum Beyspiel nenne ich nur die neueste Ausgabe von dem Wörterbuche des Savary, von Ludovici Kaufmanslexicon, von Dictionnaire des arts et metiers par Jaubert, Jacobsons technologisches Wörterbuch, und die erst neulich gedruckte Uebersetzung der zweyten Ausgabe vom praktischen Handbuche der Künstler. Dresden 1792. 8. Also wird es nicht überflüssig seyn, hier diese Waare so gut, als es nach den jetzigen Kentnissen möglich ist, zu erklären.

Das Neapelgelb, welches auch Neapolitanische Erde, im Italienischen Giallolino und im Französischen Jaune de Naples genant wird, gleicht einer Erde, hat eine matte zitrongelbe oder orangengelbe Farbe, ist schwer, körnicht, leicht zerreiblich, verwittert nicht, wird auch nicht an der Luft feucht, henket sich aber doch an die nasse Zunge an. Sehr fein zerrieben, bleibt es zwar eine Zeit im Wasser verbreitet, setzt sich aber doch bald als ein Schlamm zu Boden. In dem damit gekochten Wasser bemerkt man, wenigstens zuweilen, etwas salziges. Mit Säuren brauset es nicht, jedoch löset das Königswasser einen Theil auf. Im Feuer giebt es keinen Schwefeldampf, kömt nur schwer zum Flusse, und leidet dadurch keine sonderliche Veränderung, als nur daß die Farbe etwas röther wird. Mit ungefärbtem Glase zusammengeschmolzen, giebt es demselben eine milchweiße Farbe, zum sichern Beweise, daß es kein Eisen enthält. Mit brenbarem Wesen erhält man einen König, der sich als eine Mischung aus Bley und Spiessglasmetall zeigt.

Diese Waare komt aus Neapel, meistens als eine erdichte Kruste, welche eine Dicke von drey oder vier Linien zu haben pflegt, und der man zuweilen noch die Bildung des Gefäßes ansehn kan, worin sie erhärtet ist. Man kann sie aber von daher auch als ein feinzerriebenes Pulver erhalten. Zuweilen lassen es die Materialisten zum Gebrauche zerreiben.

Wie lange diese Farbe schon im Handel gewesen ist, wage ich nicht zu bestimmen. Unter den Materialisten ist, so viel ich weis, Pomet der erste, der sie genant hat, aber dabey meldet, daß sie sehr selten sey. Kunkel, welcher sehr fleissig alle zur Färbung des Glases und der Glasur dienlichen Materialien genant hat, hat, so viel ich bemerkt habe, des Neapelgelbs nicht erwähnt. Aber wenn der Namen allein das Alterthum beweisen könte, so würde ich behaupten, daß diese Farbe wenigstens schon am Ende des sechszehnten Jahrhunderts in Italien bekant gewesen sey. Denn Ferrante Imperato (1), dessen Buch zum ersten ersten mal im J. 1599 gedruckt worden, meldet, es gebe ein doppeltes Giallolino; wovon das eine aus Bleyweiß durch die erste Veränderung entstände. Das scheint auf das wahre Neapelgelb zu deuten; aber wenn er nur nicht den gelben Bleykalk, das so genante Massikot, gemeint hat. Die andere Art hat er nicht weiter erklärt.

(1) Historia naturale. Venetia 1672. fol. p. 107: Il giallolino si fa di cerussa nella prima alteratione; imita nel colore il fior di ginestra. Evvi un’ altro giallolino, di cui tratteremo tra li smalti e l’impetente. Il minio moderno, o sandice de antichi, si fa dell’ istesse cerussa, e giallolino passato in maggior rossezza par la maggior cottura. In der bekanten lateinischen Uebersetzung, die zu Cöln 1695. 4 gedruckt ist, kan man diese Stelle kaum wieder erkennen. So übel ist es, wenn die Uebersetzer nicht die Kunstwörter aus der Urschrift beysetzen! Lib. 4. cap. 42. p. 132: Flavum e cerussa in prima alteratione efficitur, florem genistae colore imitatur. Est et aliud flavi coloris genus, quo de inter encausta atque dealbationes tractaturi sumus. Minium modernum, vel antiquorum sandyx, ex eadem sit cerussa, et flavo acriori coctione in maiorein rubedinem transmigrante. Ich vermuthe, daß der Namen: Giallolino früher gebräuchlich gewesen ist, als das Pigment, was hernach diesen Namen ausschließlich erhalten hat.

Dem sey wie ihm wolle, so bleibt doch so viel gewiß, daß alle bekante Schriftsteller bis auf unsere Zeit nicht zuverlässig gewust haben, was dieses Pigment eigentlich sey. Die meisten haben es ihm zwar angesehn, daß es durch Feuer entstanden sey, aber sie haben es für ein Produkt der Vulkane, des Vesuvs oder des Aetna, gehalten (2). Andere haben es für eine natürliche Ocher erklärt (3). Guettard wolte es lieber für eine Bolarerde halten (4). Pott ist der Wahrheit am nächsten gekommen, weil er das Neapelgelb für ein Werk der Kunst hielt (5).

(2) Zu diesen gehören: Pomet, ein Paar Mitarbeiter an der ersten Encyclopédie, Montamy in der Abhandlung von den Farben zum Porzellan. Leipzig 1767. 8. S. 226. Der Verfasser von Dictionnaire portatif de peinture, sculpture et gravure. 1757. p. 363.

(3) Zum Beyspiel: Hill in History of fossils I p. 55, 66. Auch Hr. Gadd in Inledning til Sten-Rikets Känning. Abo 1787. 8. S. 49 nennet das Neapelgelb unter den mit metallischen Kalken vermischten Kalkerden.

(4) In Memoire sur les ocres, die in den Schriften der Pariser Akademie der Wissenschaften vom J. 1762 steht.

(5) Lithogeognosie. II S. 15.

Fougeroux hat das Verdienst, daß er dieses erwiesen, und die Möglichkeit, es zu bereiten, gelehrt hat. Nach seinen Untersuchungen erhält man wahres Neapelgelb, wenn man ein fein zerriebenes Gemeng aus zwölf Theilen reinen Bleyweißes, einem Theile Alaun, einem Theile Salmiak und drey Theilen schweißtreibenden Spiesglaskalks, sieben bis acht Stunden, anfänglich einem gelinden, hernach einem verstärkten Feuer aussetzt (6).

(6) In den Schriften der Pariser Akadem. der Wissensch. vom Jahre 1766 S. 303. und daraus auch im Schauplatz der Künste XIII.

Aber ehr als Fougeroux, der von der Bereitung auf seiner Reise durch Italien Nachricht erhalten haben mag, schon im Jahre 1758 hatte Giambattista Passeri, in seinem merkwürdigen Aufsatze über die Malerey auf Fajanze (7), eine zuverlässigere Vorschrift bekant gemacht. Nach ihm soll man ein Pfund Spießglas, anderthalb Pfund Bley, eine Unze allume di feccia und eben so viel Kochsalz nehmen. Fast vermuthe ich, daß dieß dem Franzosen nicht unbekant gewesen ist, und daß er allume di feccia für Alaun gehalten hat. Auch der gründlich gelehrte Hr. Professor Leonhardi hat diese Worte durch Alaun übersetzt (8). Dennoch will ich meinen Zweifel nicht zurück halten, sondern gestehn, daß ich allume di feccia nicht für Alaun, sondern für Weinsteinsalz oder Potasche halte. Passeri (9) meldet, daß man die Verhältniß auf mancherley Weise verändern könne, und giebt selbst noch sechs andere Vorschriften an, in welchen allen nicht allume di feccia, sondern nur feccia genant ist; und dieses Wort bedeutet doch gewiß Weinhefen oder Weinstein. Hr. Leonhardi selbst bestätigt meine Meynung dadurch, daß er meldet, Vairo, Professor der Chemie zu Neapel, habe Weinhefenasche, cineres infectorii durch allume di feccia übersetzt (10).

(7) Diese Abhandlung findet sich in Nuova raccolta d’opuscoli scientifici. Tomo IV. 1758 p. 103: Il giallolino, o color d’oro si fa con una libra di Antimoni, una e mezza di piombo, ed un’ oncia d’allume di feccia, ed un’ altra di sal comune. Ich habe diese Vorschrift bereits in meine Technologie S. 284. eingerückt.

(8) In der zweyten Ausgabe von Macquers chemischem Wörterbuche. IV S. 133.

(9) pag. 103: Si avverte, che diversificando le dosi, si diversifica puranco la riuscita del colore, ond’ è che alcune scuole, o fabbriche hanno avuto colori molto differenti dagli altri, auti io osservo, che nelle anticheMajoliche ogni pezzo ha tinte differenti, perchè ogni maestro preparava i colori a suo modo, ed eccone alcune differenti dosi. Darauf folgen sechs Verschiedenheiten, die hier gewiß nicht am unrechten Orte eingerückt werden. 1) Piombo libre sei, antimonio libre quattro, feccia libre una. 2) Piombo libre tre, antimonio libre due, feccia libre una, sale once sei. 3 Piombo libre cinque, antimonio libre quattro, feccia once sei. 4) Piombo libre quattro, antimonio libre due, feccia once sei. 5) Piombo libre una e mezza, antimonio libre una, feccia libre una, sale libre una. 6) Piombo libre tre e mezza, antimonio libre due, feccia libre una.

(10) Im ersten Theile S. 245. Zu den grossen Vorzugen, die Hr. Leonhardi der neuen Ausgabe gegeben hat, ist gewiß die Beysetzung der ausländischen Kunstwörter dankbar zu rechnen. Da die Wörterbücher, vornehmlich der Italischen Sprache, die wissenschaftlichen Wörter fast gar nicht haben, so würde es ein grosses Verdienst seyn, wenn jemand alle diejenigen Benennungen, welche zur Chemie und Mineralogie gehören, samlen und erklären wolte. Wenigstens solten die Uebersetzer dem guten Beyspiele des Hrn. Leonhardi folgen.

Als des Fougeroux Abhandlung gedruckt war, machte de la Lande eine Vorschrift bekant, welche er von dem bekanten Prinzen San Severo erhalten hatte. In dieser ist nur Bley und Spießglas genant, nicht Alaun, nicht Weinstein, noch irgend ein anderes Salz (11).

(11) Ich will diese Vorschrift hier ganz einrücken, wie man sie im letzten Theile der neuesten Ausgabe von Voyage en Italie par De la Lande. Paris 1786. 9 Theile in 12. S. 504 findet. Einen Auszug findet man in Volkmanns Nachrichten von Italien. 3 S. 181. wo es aber unrichtig Rauschgelb genant ist. On prend du plomb bien calciné et passé au tamis, avec un tiers de son poids d’antimoine pilé et tamisé : on mêle exactement ces deux matieres, et on les passe de nouveau par le tamis de soie : on prend ensuite de grandes assietes plates de terre cuite non vernissées ; on les couvre d’un papier blanc, où l’on étend la poudre sur une épaisseur d’environ deux pouces: on place ces assietes dans un fourneau à faïence, mais seulement à la partie supérieure du fourneau, pourqu’ elles ne reçoivent pas un feu trop violent; la réflexion de la flamme, ou le réverbere leur suffit : on retire ces matieres en même temps que la faïence; on y trouve alors une substance dure et jaune, que l’on broie sur le porphyre avec de l’eau, et que l’on fait ensuite sécher pour s’en servir au besoin, c’est ce qu’on appelle jaune de Naples.

Die Feuerbeständigkeit dieses Pigments, welche die Bleyokern allein nicht haben, schreibt Fougeroux dem Spiesglase und dem Alaun zu. Letzterer möchte nun nach obigem wohl so nothwendig nicht seyn, aber der Zusatz des erstern ist desto unentbehrlicher. Man weis, daß das Glas des Antimoniums hyacinthfarbig ist, und daß es mit Mennig und Kiesel ein goldfarbiges Glas giebt (12).

(12) Hieher gehören die Versuche des Lewis, der, da er sehr geflissentlich alle Substanzen, welche den Gläsern eine gelbe Farbe geben können, erzählt und versucht hat, dennoch nicht das Neapelgelb genant hat. Zusammenhang der Künste. 2 S. 509.

Der Preis des Neapelgelbs war zu Amsterdam im Januar 1786 das Pfund 10 bis 16 Stüver Cassa; und in Berlin 1 Thal. aber in Wien verkauften die Apotheken das Loth für 12 Kreuzer. Die Künstler klagen, daß der Gebrauch deswegen sehr mislich sey, weil sie nicht immer das Gelb von einerley Güthe erhielten. Wahrscheinlich rührt die Verschiedenheit davon her, daß, wie schon Passeri gesagt hat, nicht jederzeit einerley Verhältniß der beyden Metalle und des Weinsteins genommen wird. Diesem Uebel könte leicht abgeholfen werden, wenn bey Verfertigung des Neapelgelbs, so wie bey der Schmalte, nach einem Muster verfahren, und die verschiedenen Abfälle derselben, auf gleiche Weise, durch Numern oder Buchstaben bezeichnet würden.

Dem Fougeronx war aus Neapel gemeldet worden, daß damals nur noch ein alter Mann dort lebe, der das Gelb verfertige, aber seine Kunst so geheim hielte, daß man besorge, sie möchte mit ihm aussterben. Es sey davon nichts weiter bekant, als daß er die dazu dienlichen Metalle 24 Stunden der Glut eines Töpferofens aussetze.

Wer diese Farbe in Teutschland bereiten wolte, der würde gewiß nach des Fougeroux Vorschrift mit den Italienern nicht einerley Preis halten können. Denn dazu ist das schweistreibende Spiesglas, so wie das reine Bleyweiß, viel zu theuer, und der nicht wohlfeile Salmiak ginge bey der Arbeit auch verlohren. Dagegen möchte immer noch ein kleiner Gewinn seyn, wenn, nach der Italischen Weise, die beyden Metalle mit einem kleinen Zusatze eines alkalischen Salzes, in einem benachbarten Fajanzeofen, verkalkt würden.

Aber unsere Feuermaler bereiten sich schon eine gelbe Glasur, die nicht weit von dem ächten Neapelgelb entfernt ist. Ich finde dazu eine Vorschrift in einer neuen Schrift, deren ungenanter Verfasser zwar eigene Erfahrung, aber gar keine gelehrte Kentnisse zu haben scheint (*). Man soll, nach seiner Vorschrift ein Pfund Spiesglas, zwölf Loth Mennig und vier Loth weissen Sand zusammen schmelzen. Den Kuchen, welcher ganz schwarz erscheint, soll man zerstoßen, noch ein mal schmelzen, und dieß so lange wiederholen, bis alles durch und durch gelb geworden ist. Alsdann soll ein halbes Pfund dieser Masse wiederum mit vier Loth Mennig vermischt und geschmolzen werden. Allerdings muß man auf diesem mühsamen Umwege ein pomeranzengelbes Pigment erhalten, welches aber auf dem oben angezeigten Wege leichter und sicherlich besser erreicht werden kan.

(*) Völlig entdecktes Geheimniß der Kunst Fayence, englisches Steingut und Porzellan zu machen. Leipzig 1793. 8. S. 54. Ich habe von dieser Schrift Nachricht gegeben in Physikalisch-ökon. Biblioth. XVII. S. 506.

Alle Künstler, welche vom Gebrauche des Neapelgelbs geredet haben, warnen gar kein Eisen daran zu bringen, weil dadurch die Farbe grünlich oder wenigstens schmutzig wird. Aus dieser Ursache muß es auf einem Steine zerrieben, und mit einem elfenbeinernen Spatel zusammen gestrichen werden. Vorzüglich wird es in der Oehlmalerey angewendet, weil die Farbe sanfter, heller und fetter ist, als Oker, Bleygelb und Auripigment, auch weil es jene Pigmente durch die Dauerhaftigkeit weit übertrift. Besonders wird es gebraucht, wenn das Gelb dem Golde ähnlich seyn soll, und in dieser Absicht kan es auch mit Gummiwasser abgerieben werden und als Wasserfarbe dienen. Ein grosser Vorzug besteht darin, daß es auch zur Schmelzmalerey tauglich ist, weswegen es auf Porzellan und Fajanze gebraucht wird (13). Uebrigens empfehle ich den Künstlern zu versuchen, ob der aus dem Wolfram durch Kochen mit Salzgeist erhaltene Kalk, der eine schöne gelbe Farbe hat, eben so gut als Neapelgelb gebraucht werden könne (14).

(13) Fougeroux hat in den Schriften der Akademie vom J. 1767 ein Zeugniß beygebracht, daß das von ihm verfertigte Giallolino auf Porzellan eine noch schönere Farbe, als das verkäufliche gebe.

(14) Gmelins technische Chemie S. 229 S. 440.