Poppe 1816/I

Johann Heinrich Moritz Poppe, Technologisches Lexicon, oder: genaue Beschreibung aller mechanischen Künste, Handwerke, Manufakturen und Fabriken, der dazu erforderlichen Handgriffe, Mittel, Werkzeuge und Maschinen, mit steter Rücksicht auf die Bedürfnisse der neuesten Zeit, auf die wichtigsten Erfindungen und Entdeckungen, der dabey anzuwendenden geprüftesten chemischen und mechanischen Grundsätze und einer vollständigen Litteratur aller Zweige der Technologie, sammt Erklärung aller dort einschlagenden Kunstwörter, in alphabetischer Ordnung I (A–C), Stuttgart – Tübingen [J. G. Cotta’sche Buchhandlung] 1816.


pp. 484–490

Blaufarbenwerke, Blaufarbenfabriken. In diesen Fabriken verfertigt man aus den Kobalterzen ein Paar blaue Farben, den Saflor oder Zaffer und die Smalte oder Schmalte, welche zu blauen Glasuren, zum Blaufärben des Porcellans und anderer irdenen Waaren, zum Färben des Glases und Emails, zu manchen künstlichen Edelsteinen, zur Frescomalerey, zur Stärke, damit diese den Batisten, Linons, Mousselinen und andern Zeugen nebst der Festigkeit zugleich ein angenehmes Hellblau gebe, und zu machen andern Zwecken sehr nützlich gebraucht werden. Am wichtigsten und nutzbarsten ist die Smalte; deswegen hat man jene Fabriken auch wohl Smaltefabriken genannt.

Die allerwichtigsten Blaufarbenwerke hat Sachsen, vorzüglich in der Gegend von Schneeberg. Ein sächsischer Glasmacher, Christoph Schürer, machte um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts durch Zufall die Entdeckung, daß man aus dem Kobalt, der sonst als unnütz hinweggeworfen wurde, die trefflichen blauen Farben bereiten konnte. Wirklich fing er bald selbst an, diese Farben mit Hülfe einer Handmühle für die Töpfer zu verfertigen. Da alles herrlich ging, so wurde aus der Handmühle bald eine Wassermühle. Nicht lange nachher erkannte man auch in andern Ländern die mit der Smaltefabrikation verknüpften Vortheile; und so entstanden demnach nach und nach auch in Böhmen, in Schlesien, in Holland, im Hessischen, im Saalfeldischen 2c. Blaufarbenwerke. Die sächsische und holländische Smalte bleiben in Hinsicht der Feinheit und Güte noch immer die beste von allen.

Die erste Arbeit in Blaufarbenwerken ist das Rösten, Pochen, Schlämmen, abermaliges Rösten und Schmelzen der Kobalterze, um eingesprengte andere Mineralien, besonders den Wismuth, Schwefel und Arsenik davon abzusondern. Das Pochen geschieht mit Hämmern oder Stempeln, die man durch Wasser, mittelst eines Wasserrades und einer Daumenwelle, wie die gewöhnlichen Stampf- und Hammerwerke, in Bewegung setzen läßt; s. Stampfmühlen und Hammerwerke. Nun wäscht man sie auf einer geneigten Ebene, um sie von den steinigten Theilen zu befreyen. In einigen Blaufarbenwerken scheidet man den Wismuth dadurch von dem Kobalt, daß man das Erz einem Feuer aussetzt, wobey es zum Fließen kommt.

Das Rösten oder Calciniren nimmt man in einem Reverberirofen vor, der vorher gehörig abgewärmt worden war. Man rührt darin das Erz oft um, damit der Arsenik und der Schwefel daraus verflüchtigt werde. Dies geschieht in Zeit von 3 oder 4 Stunden schon. Man darf aber das Erz nicht zu stark rösten, weil sonst die Farbe geschwächt werden würde. Eine zu geringe Calcination taugt ebenfalls nicht, weil auch sie zu einer schlechten Qualität des Saflors Veranlassung giebt. Den Arsenik fängt man in langen nach Art der Rauchfänge erbauten, mit einem langen Schornsteine und daran mit mehreren Oeffnungen und Kammern versehenen Giftfängen auf. In diesen Giftfängen müssen die Arsenikdämpfe rasch emporsteigen; sie dürfen sich auf keinen Fall seitwärts verbreiten. Man nennt den Arsenik, welcher sich an die Giftfänge und die Wände der Kammern ansetzt, Giftmehl, Arsenikmehl, Hüttenmehl, Hüttenrauch. Mit Schwefel sublimirt entsteht das Rauschgelb aus dem Arsenikmehle. Enthält das Rauschgelb nur den zehnten Theil Schwefel, so heißt es Auripigment oder Operment; enthält es aber den fünften Theil davon, so wird es Sandarach oder rother Arsenik genannt.

Nach dem Rösten wird das Kobaltoxyd gestoßen, durchgesiebt und mit 2 oder 3 Theilen fein geriebenen Sand oder gerösteten, gepochten wieder ausgeglühten und gesiebten Quarz vermischt. Jetzt hat man den sogenannten Saflor erhalten, der aber noch keine so häufige und nutzbare Anwendung findet, als die Smalte. Um diese aus dem gerösteten, gestoßenen und ausgelesenen Kobalt zu machen, so schmilzt man letztern mit reinem geschlämmten Sande oder mit weißem gestoßenen, gewaschenen und stark calcinirten Quarz und mit Potasche (in großen und festen Tiegeln oder Häfen) zur Glasfritte. Am besten macht man das Verhältniß eines solchen Gemenges auf folgende Art. Zu 250 Pfund calcinirten Kobalt thut man 281 Pfund calcinirte Potasche, 600 Pfund calcinirte Kiesel (oder Quarz) und ohngefähr 40 Pfund weißen Arsenik. Das Mengen dieser Substanzen nimmt man in einem hölzernen Troge, dem Mengekasten vor. Das Schmelzen aber geschieht in großen Tiegeln, worin man die Masse von Zeit zu Zeit mit einem Rühreisen umrührt. Nach Verlauf von 8 bis 10 Stunden schöpft man das Glas mit eisernen Kellen in große Kufen, die sogenannten Speisebütten, nachdem man vorher die oben aufschwimmende Kobaltspeise mit eisernen Löffeln abgeschöpft hatte. In die Kufen läuft beständig frisches Wasser.

Die Tiegel wurden in Abwärmöfen oder Temperiröfen wohl durchglüht, und dann erst kamen sie in die Schmelz- oder Glasöfen. In diesen finden sich für sie eigne Einsetzlöcher. Die Kobaltspeise, so wie dasjenige, was auf den Böden der Tiegel liegen bleibt, wird bey einer neuen Schmelzung als Zuschlag gebraucht. Immer werden die Tiegel, so wie man das Glas in die Kufen geschöpft hatte, von neuem gefüllt, und ununterbrochen fährt man damit so lange fort, bis man einmal der Reparatur des Ofens oder der Tiegel wegen anhalten muß.

Die Masse, welche in den Wasserkufen zu einem blauen Glase geworden war, wird mit Hülfe eines Pochwerks oder einer Stampfmühle zerstoßen und gesiebt. Das so zerkleinerte Glas kommt dann auf die eigentliche Blaufarbenmühle, eine ordentliche Mahlmühle mit Bodenstein und Läufer. Eine Zarge von Faßdauben umgiebt diese Steine. Nach 6 oder 8 Stunden läßt man das feine zarte Pulver durch eine unten in der Zarge (eben so wie ein Mehlloch) befindliche Oeffnung abfließen. Man fängt sie vor derselben mit Mulden auf und bringt sie in Fässer oder Kübel. In diesen rührt man sie mit klarem Wasser um und läßt sie dann eine Zeitlang ruhig stehen. Nach einigen Augenblicken leitet man dasjenige Wasser aus den Kübeln ab, welches die feinsten Glastheile enthält. Den Bodensatz aber reibt man zum zweyten Male unter den Mühlsteinen. Durch Wiederholung dieser Operation gelangt man endlich dahin, daß man alles Glas zu einem unfühlbaren Pulver zerreiben kann.

Nun aber giebt es verschiedenartige Sorten von Smalte, welche ein unterschiedliches Blau zeigen. Zu diesen gelangt man auf folgende Art. Man rührt die ganze zermahlne Masse in eine große Kufe ein, die ihrer Höhe nach mit drey gleich weit von einander abstehenden Löchern durchbohrt ist. Nach einigen Augenblicken Ruhe läßt man erst diejenige Flüssigkeit ablaufen, welche über der ersten Oeffnung steht und die feinsten Smaltetheilchen enthält. Nach und nach öffnet man auch die beyden übrigen Löcher, um alle Smalte ablaufen zu lassen. Diese Operation gründet sich nämlich darauf, daß die schönste Smalte, welche am besten gefärbt ist, sich eher niederschlagen kann, als diejenige von geringerer Qualität.

In den sächsischen Fabriken, wo die fein geriebene Glasmasse in kleinen Fässern mit hölzernen Spaten so lange umgerührt worden war, bis das Gröbste sich zu Boden gesetzt hatte, gießt man das getrübte Wasser in ein anderes Gefäß, aus diesem wieder in ein anderes; und so immer aus dem einen in das andere. Dadurch erhält man mehrere Sorten von verschiedener Feinheit. Aus den ersten Fässern, den Setzfässern, haut man, nach Abgießung des Wassers, den Satz mit Handbeilen los und läßt ihn in einem andern Fasse bey ununterbrochenem Umrühren wieder zergehen. Auch diese Masse gießt man hernach wieder durch ein Sieb in ein anderes Faß, worin sie sich ebenfalls zu Boden setzt. Das abgelassene Wasser wird nicht weniger in Behältnissen zusammen erhalten, wo aus ihm der sogenannte Sumpfeschel zu Boden fällt. Der trocken gewordene auf dem Boden liegende Färbestoff wird nach geschehenem Loshauen mit Walzen oder Reibhölzern zerdrückt, in geheizten Zimmern auf Farbebretern getrocknet, in Siebkasten, welche das Stäuben verhindern, durch feine seidene gerüttelte Siebe geschlagen, und zuletzt in Fässer eingepackt. Eingebrannte Buchstaben unten am Boden der Fässer zeigen den verschiedenen Grad der Feinheit des Pigments an.

Holländer lernten den Sachsen frühzeitig die Kunst ab, Schmalte zu verfertigen. Sie legten in ihrem Lande Farbenmühlen an, ließen aber die gerösteten Kobalterze dazu aus Schneeberg kommen. In der Zurichtung, besonders im Mahlen, übertrafen die Holländer bald ihre Meister; und die Sachsen selbst schätzten sich glücklich, selbst nach holländischer Art Farbenmühlen anlegen zu können. Ehe letzteres geschah, vermischte man in Sachsen den nach Holland zu versendenden gerösteten Kobalt mit Sand, um den Holländern die weitere Verarbeitung zu erschweren. Diese mußten sich daher alle Mühe geben, ordentliche Schmalte hervorzubringen; und eben dadurch sind sie dann auf mancherley Vortheile verfallen, welche die Veredlung der blauen Farbe betrafen. Durch Raffiniren verfeinern die Holländer die sächsische Schmalte ausnehmend, theils durch ein noch feineres Zermahlen zwischen zwey horizontalen Mühlsteinen und durch sorgfältiges Beuteln, theils auch vorzüglich durch vielfache Vermischungen der verschiedenen Farbenarten. Man bereitet in Holland von Saflor, Schmalte und Eschel gegen 55, in Sachsen nur 23 Arten. Die feinste Sorte vom höchsten Blau wird Königsblau genannt.

Den Kobalt zur höchsten Feinheit zu bringen, ist vor wenigen Jahren folgendes Mittel vorgeschlagen worden. Man röstet ihn mäßig, löscht ihn in reinem Wasser ab, zerreibt ihn wohl, vermischt ihn mit einem Viertel Salmiak und schmilzt ihn so in einem Tiegel. Darauf löst man ihn in Scheidewasser auf, thut etwas Regenwasser hinzu und schlägt ihn mit Potaschenlauge nieder. Schnell trennt man nun die Flüssigkeit von dem Niederschlage, indem man sie durch Löschpapier filtrirt. Durch einen wiederholten Aufguß von frischem Regenwasser wird der salzigte Geschmack wieder gänzlich hinweggeschafft.

Ein sächsischer Blaufarbenmeister erfand die Kunst, aus Kobalt eine dem Ultramarin völlig gleiche Farbe zu bereiten. Der Mann behielt aber sein Geheimniß für sich und nahm es leider mit in’s Grab. Dieselbe Kunst soll vor ein Paar Jahren auch in Frankreich erfunden seyn. Da das Ultramarin so außerordentlich theuer ist — ein Loth davon kostet einen Dukaten — so wäre jene Erfindung von großer Wichtigkeit.

J. A. Gesner’s Historie vom Kobalt und der daraus bereiteten Zaffera und Smalten. Berlin 1744. 8.

D. Krieg, a letter concerning Cobalt and the preparation of Smalt and Arsenik, in den Philosoph. Transactions. 1753. No. 293.

J. G. Lehmann’s Geschichte des Farbenkobalts. Königsberg 1761. 8.

H. Calvör, Beschreibung des Maschinenwesens auf dem Oberharze. Th. II. Braunschweig 1763. Fol. S. 202 f.

De Genssane, Traité de la fonte des mines par le feu du Charbon de terre &c. Tom. II. Paris 1776. 4. p. 175 f.

J. Beckmann, Beyträge zur Oekonomie, Technologie &c. Th. I. Göttingen 1779. 8. S. 315 f.

Jars voyages metallurgiques. Tom. II. Paris 1780. 4. p. 516 f.

F. Kapf, Beyträge zur Geschichte des Kobalts und der Blaufarbenwerke. Breslau 1792. 8.

F. A. A. Eversmann, technologische Bemerkungen auf einer Reise durch Holland, Freyberg und Annaberg 1792. 8. S. 16 f.

A. C. Peck, historische und geographische Beschreibung des sächsischen Erzgebirges. Bd. I. Schneeberg 1795. 8.

Beytrag zur Geschichte der sächsischen und anderer Blaufarbenwerke; im Journal für Fabrik &c. Bd. XV. Leipzig 1798. 8. December. S. 490 f.

J. H. M. Poppe, Geschichte der Technologie. Bd. III. Göttingen 1811. 8. S. 200 f.